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Jörg Scholz

Predigt am 2. März 2025 (Sonntag vor Aschermittwoch) in der Versöhnungskirche

Hat Jesus gelacht? Hatte er Humor? Darf man solche Fragen überhaupt stellen? Sind sie vielleicht fast genauso ungehörig wie die Frage, ob Jesus auch erotischer oder sinnlicher Regungen fähig war? Und womöglich haben diese Fragen ja auch etwas miteinander zu tun: denn wer lacht, wer einen Freudenausbruch hat, verliert für einen Moment genauso sehr die Kontrolle über seinen Körper wie jemand, der liebt. Seien wir ehrlich: unser Jesus-Bild hat viele Spielarten, aber ein wesentlicher Bestandteil davon ist doch wohl, dass wir ihn für einen durch und durch ernsten, beherrschten Menschen (Mann?) halten. Und immer steht uns ja auch sein Leiden, sein Gang zum Kreuz vor Augen - und da verbieten sich solche forschen Fragen wie die nach seinem Humor oder gar seiner Sinnlichkeit. Man brauchte nur einmal durch die Geschichte der Kunst zu streifen: Wie sie Jesus dargestellt hat - man wird im Jesus-Bild wenig Lustiges und Sinnliches dabei finden. Vielleicht ist eine der Ausnahmen, wo so etwas wie Gefühl durchschimmert, die Szene, wo Jesus Kinder in die Arme nimmt und sie segnet. Aber das war’s dann schon. Und wir in unserer protestantischen Tradition haben ihn ja noch ernster, noch abgehobener vor uns - zwischen seinem Menschsein und unserem Menschsein klafft eine unendliche Kluft: er war und ist eben der ganz andere, der sündlose Christus, kein Gefühlsmensch. Und so ist auch unser evangelisches Gesangbuch vor allem eine Ansammlung ernsthafter Reime, wo nur gelegentlich mal ein wenig Lebensfreude und Sinnlichkeit hindurchschimmert.

Vielleicht hat das alles seine Berechtigung, dieser unendliche Ernst, der uns von Jesus herüberkommt - und der seine Fortsetzung findet in unseren Gottesdiensten, unseren Predigten, auch in meinen. Sinnlichkeit, Lebensfreude, Humor - das sind keine Bestandteile unseres religiösen Rahmens, auch wenn wir es wohl doch als befreiend erleben, wenn in der Kirche mal herzlich gelacht wird. Die katholische Kirche hat immerhin den Karneval erlaubt. Sie hat bringt den merkwürdigen Spagat fertig, etwa in ihren Verlautbarungen zur Sexualität äußerst konservativ zu sein - und auf der anderen Seite mit dem Karneval, der Fastnacht, aber auch mit ihrer prächtigen Liturgie und den liturgischen Gewändern, ihrer geradezu sinnlichen Marienverehrung doch so etwas wie Buntheit und Lebensfreude in das Christentum aufzunehmen. Doch der Protestantismus ist ernst, Pastoren und Bischöfe sind ernst. Und so werden Barockkirchen bei uns hier oben im Norden immer ganz schnell mit der katholischen Kirche in Verbindung gebracht - so etwas Prunkvolles kann nicht evangelisch sein.

Nun will ich keineswegs behaupten, dass Ernsthaftigkeit, Eingehen auf die Schwere des Daseins und des Glaubens, nicht durchaus seine Berechtigung hat. Wir sind, im Privaten und im Öffentlichen, mit vielem konfrontiert, das eine ernsthafte, sachliche Auseinandersetzung erfordert, von erwachsenen Menschen und keinen oberflächlichen Hallodris. Wie viel Schmerz gibt es, wie viel Leid, wie viele Spannungen, in den Familien beispielsweise oder auch in der Welt. Darüber lässt sich nicht locker-flockig hinweggehen - und der Glaube muss sich und will sich dem stellen. Ein Glaube wie der christliche, der Gottes Weg bis ins Kreuz nachgehen lässt, will über diese Seiten des Lebens nicht hinwegtäuschen, sondern sich mit ihnen auseinandersetzen. Wir verkünden nicht die Botschaft vom dionysischen Gott der Weinseligen, sondern die Botschaft von dem Gott, der uns auch da noch ganz nah sein will, wo unsere Kräfte am Ende sind, wo es nichts mehr zu lachen gibt - bis über den Tod hinaus.
Und doch sei die Frage erlaubt, ob denn dieser Bezug zur dunklen, schmerzhaften, tragischen Seite des Lebens immer berechtigt ist, ja, ob denn damit nicht auch andere Quellen des Lebens verschüttet worden sind oder verschüttet werden: bis hin zu der im Mittelalter ernsthaft diskutierten und häufig verneinten Frage, ob denn ein Christ überhaupt lachen dürfe.

Nun läge es an diesem Sonntag vor dem Aschermittwoch und damit vor der Passionszeit nahe, eine zum Lachen anregende, herzerfrischende Faschingspredigt zu halten, als greifbarer Ausdruck davon, dass auch wir Protestanten, wir Evangelischen etwas zu lachen haben. Ich habe schon manchmal Versuche in dieser Richtung unternommen, aber sie sind eigentlich alle gescheitert - ich bin kein guter Witzeerzähler. Aber ich erinnere mich an einen Fernsehbeitrag: In ihm treten wirkliche Ärzte in einem amerikanischen Krankenhaus als Clowns auf, sie machen Späße vor den kranken Kindern und anderen Patienten, die sich - nicht kaputt-, sondern geradezu gesundlachen. Da herrscht ein Heidenspaß im Krankenhaus (wir sagen Heidenspaß, nicht Christenspaß), aber es hat heilsamere Wirkung als manche Medikamente. Woraus wir schließen können, was wir schon immer wussten: dass Lachen gesund macht. Doch ich verzichte darauf, jetzt eine Pappnase aufzuziehen, und kehre ganz ernsthaft wieder zu meiner Ausgangsfrage zurück, ob Jesus gelacht hat und Humor hatte und etwas von der Kraft der Sinnlichkeit kannte.

Nun, die Evangelien des Neuen Testaments, vielfach in Zeiten der Verfolgung und Bedrängnis geschrieben, berichten uns nichts davon - wenigstens nicht direkt. Sie erzählen schon manchmal von Gefühlen Jesu: dass er über Jerusalem weint, dass er zornig ist über die Verstocktheit der Herzen gerade der Gesetzestreuen, dass er ziemlich barsch mit seiner Herkunftsfamilie umgeht. Solche Gefühle klingen schon gelegentlich durch. Aber immerhin doch auch, dass er ziemlich sarkastisch seine Zeitgenossen angegangen ist: die Pharisäer nennt er unerkennbare, getünchte Gräber, nicht gerade sehr freundlich, auf denen die anderen unwissend umhergehen; den Reichen sagt er, dass eher ein Kamel durch ein Nadelöhr hindurch geht, als dass sie ins Himmelreich kommen; gerade die Repräsentanten seiner jüdischen Religion nennt er „Heuchler“ oder genauer „Schauspieler“, also Menschen mit einer Maske - ob sie nun Almosen geben oder fasten. Da ist schon Spott im Spiel, eine gehörige Portion Sarkasmus oder vielleicht auch Humor - so wie die Harlekine, die Bänkelsänger und die guten Büttenredner die Mächtigen und Vornehmen auf’s Korn nehmen. Und erinnern wir uns an den Ton der vorher gehörten alttestamentlichen Lesung: Da rechnet Gott durch den Mund des Amos mit dem Kult der Israeliten ab (Amos 5, 21-24). Jesus mag sich in dieser prophetischen Tradition gesehen haben.

Kurzer Ausflug in das aktuelle Weltgeschehen… Wie hätte Jesus reagiert, wenn er mitbekommen hätte, wie Trump vor ein paar Tagen mit dem ukrainischen Präsidenten umgesprungen ist? Eine Zeitung schrieb, er habe eine Haltung an den Tag gelegt wie ein Mafiaboss. Hätte Jesus sich ähnlich geäußert wie neulich die anglikanische Bischöfin Mariann Edgar Budde mit einer direkt an Präsident Donald Trump gerichteten Predigt? Nach der Vereidigung Trumps sprach sie in einem interreligiösen Dankesgottesdienst in der Nationalkathedrale in Washington unter anderem eine Bitte an den mit grimmigem Gesichtsausdruck vorn in der Kirche sitzenden Trump aus: Er möge Mitleid haben mit den „Menschen in unserem Land, die jetzt Angst haben“. Aber die Chancen stehen schlecht, dass Trump auf Jesus gehört hätte. Und seine Reaktion auf die Bischöfin war: Sie sei eine „linksradikale Hardlinerin“.

Zurück zu Jesus:
Obwohl das Neue Testament von etlichen Begegnungen Jesu mit Frauen erzählt, fällt einem auf, wie in der von Männern geprägten Theologie und Geschichte des Christentums diese Momente im Leben Jesu und ihre Praxis im Leben des Christen immer wieder zurückgedrängt worden sind. Vielleicht kann man sagen, dass da eine tiefe Abwehr und das heißt auch Angst gegen alles sitzt, was mit Gefühlen zu tun hat, mit Zärtlichkeit, praller Lebensfreude.

Und männlich so ist ja auch die Geschichte aus dem Lukas-Evangelium ausgelegt worden, die heute der Predigttext ist: die Geschichte von Maria und Martha (Lukas 10, 38-42).

Ich vermute, wir alle kennen diese Geschichte! Was hat man alles aus ihr gemacht, am schärfsten wohl Luther: „Martha, dein Werk muss bestraft und für nichts geachtet werden...“ Martha wird zur nachgerade Dummen degradiert. Und das sagt ein Luther, der mit Katharina von Bora doch eine Martha in seinem Haus hatte und sie brauchte (und sie dafür ja auch wieder sehr geachtet hat) Typisch Mann, möchte ich ironisch wie ein Büttenredner, wie ein Narr, sagen: die häusliche Tätigkeit der Frau kleinreden („das bisschen Haushalt…“) - und doch gleichzeitig gerne in Anspruch nehmen.

Muss man die Maria-/Martha-Episode so instrumentalisieren, dass man Maria zum Vorbild der zu Füßen Jesu sitzenden gläubigen Frau macht und Martha geradezu für ein bisschen dämlich erklärt? Ganz abgesehen davon, dass in dem anderen neutestamentlichen Text, wo Maria und Martha auftauchen, in der Lazarus-Geschichte des Johannes-Evangeliums, Martha ganz anders geschildert wird und ihr ein Bekenntnis zu Jesus in den Mund gelegt wird, das dem des Petrus im Matthäus-Evangelium gleicht. Beide Texte zeigen etwas von der Wertschätzung der Frauen um Jesus und von der Erinnerung an diese Frauen in den frühen christlichen Gemeinden.

Schauen wir doch noch einmal auf die Szene selbst: Jesus kehrt in das Haus der Martha ein, sie hat ein Haus, in dem auch ihre Schwester Maria lebt, und nimmt ihn auf. Und sie tut doch für den Gast Jesus etwas Richtiges: Sie bewirtet ihn. Und überhaupt: Jesus kehrt bei zwei offensichtlich alleinstehenden Frauen ein, er hat keine Probleme damit. Gehört sich das denn? Und während die eine ihm zu Füßen sitzt, (wir denken natürlich gleich mit: in gehörigem Abstand), ist die andere damit beschäftigt, es dem Gast so angenehm wie möglich zu machen. So weit, so gut.

Erst als Martha sauer darauf ist, dass Maria ihr nicht hilft, kommt es zu der bekannten Antwort Jesu: „Martha, Martha, über so vieles machst du dir Sorgen und lässt dich davon beunruhigen. Dabei ist eines notwendig. Für dieses Richtige hat sich Maria entschieden, und das soll ihr nicht weggenommen werden.“ Ich finde, Jesus geht auf Martha ein, wie es ein einfühlender Psychologe nicht besser machen könnte: Er fühlt sich in sie ein, nimmt ernst, was sie tut - und wenn er dann sagt, Maria habe das gute Teil erwählt, dann kommt mir das so vor, als wolle er vor allem korrigieren, dass Martha neidisch ist auf ihre Schwester, weil sie gefangen ist von dem Gedanken, dass eine ordentliche Bewirtung für Jesus wichtiger ist, als ihm zu Füßen zu sitzen und ihm zuzuhören. Martha bleibt in ihrer Rolle als Gastgeberin gefangen. Und da sagt Jesus, in moderner Sprache ausgedrückt: Martha, was du tust, ist okay, aber heute hat Maria das gute, das bessere Teil erwählt. Und wir sollten vielleicht einmal bedenken, daß die Beschäftigung mit dem Wort Gottes im Judentum Männern vorbehalten war, und auch auf diesem Hintergrund hat Maria das gute Teil erwählt, während das andere Teil, die Frauenarbeit im Haushalt, schon immer Frauensache gewesen ist.

Dass die Wirkungsgeschichte der Erzählung so weiterging, dass man zwei Typen von Frauen, einem besseren und einem schlechteren, daraus abgeleitet hat, ist verhängnisvoll. Alle statischen Einteilungen der Welt in Gut und Böse verkennen die Vielschichtigkeit der Wirklichkeit. Ich erinnere nur daran, wie im Bundestagswahlkampf pauschal von „den“ Migranten gesprochen wurde.

Das Geschwisterpaar Maria und Martha wurde aufgespalten. Von Luther bis zu modernen Auslegern ist Maria das Bild eines Menschen, der durch das Hören des Wortes gerecht und gut vor Gott wird. Anders Martha: Sie wurde auf Küche und Haushalt festgelegt. Sie wurde Patronin der Hausfrauen und Köche und man gab ihr mit dem 29. Juli einen Heiligentag. Weil sie praktisch veranlagt war, wurde ihr auch noch die Krankenpflege zugordnet. Kirchen wurden nur selten mal nach ihr benannt.

Verkörpert Maria das nachdenkende, kontemplative Christentum, so verkörpert Martha das aktive Christentum. Aber vor allem in der evangelischen Tradition wird dieses Christentum abgewertet als Sinnbild für Werkgerechtigkeit. Das änderte sich erst mit dem Heraufkommen der Diakonischen Werke.

Die Bibel schweigt darüber, wie es nach der geschilderten Maria-/Martha-/Jesusepisode weitergegangen ist. Ich phantasiere mich in die Geschichte und stelle mir vor, dass nach Jesu einfühlsamen Eingehen auf Martha diese ihre Hausarbeit erst einmal zurückgestellt und sich dem im Augenblick tatsächlich Wichtigerem zugewandt hat: Dem Zuhören Jesu. Erst einmal hat sich auch Martha Jesus zu Füßen gesetzt, und sie haben über das Reich Gottes, über das Neue, das es bringen wird, über die Veränderung der hergebrachten Verhältnisse, auch im Rollenverhalten von Männern und Frauen gesprochen: hitzig, engagiert, manchmal auch lustig, mit hochroten Köpfen. Und dann sind alle drei in die Küche gegangen, haben angepackt, aufgedeckt, ein Fläschchen Wein stand auf dem Tisch (wir hörten doch von Jesus als Weintrinker, und wir kennen seine Geschichten, die mit Wein zu tun haben), und dann lagen die drei nach orientalischer Sitte bei Tisch, haben geschmaust und getrunken und munter weiter diskutiert. Wo ist der Künstler, der uns das malt (nicht kitschig, versteht sich)? Oder ist uns das schon zu sinnlich - zu weit weg vom Bild des ernsten Jesus?

Meine Ausmalung dieser Geschichte sollte es nun vollends deutlich gemacht haben: Ich bin sicher, dass Jesus auch gelacht hat und dass er die sinnlichen Züge des Lebens auch gekannt hat. Lachen heißt nicht: nur lachend oder gar lächelnd über alles hinwegsehen. Sinnlichkeit heißt nicht: die anderen zum Objekt seiner Begierden machen. Lachen führt zu einer Lebenseinstellung, die die Fülle des Lebens bejaht, ohne über seine dunklen Seiten hinwegzusehen.

Nicht lange nach Jesus wird Paulus sich als „Narr in Christus“ bezeichnen, als einen Clown für Gott in einer absurden Welt. Diese Narrenschaft, die auch die Gabe des Lachens und des andere zum Lachen Bringens in sich schließt, kann man nicht herbeibefehlen. Ich erlebte einmal, wie ein englischer Vater seine Familie vor einem dänischen Schloß aufbaute und in barschestem Befehlston sagte: „Smile now!“ „Lacht jetzt!“- und wir wissen, was für Bilder dabei herauskommen. Das Lachen und die Sinnlichkeit können nur von innen kommen. Unser Wort Humor stammt daher, dass man annahm, es seien Körpersäfte, Humores, die zu der Heiterkeit, die wohlwollend und gutmütig ist, führen. Ob Körpersäfte oder nicht, schön wäre es schon, wir Christinnen und Christen würden diese guten Gaben Gottes, von denen ich gesprochen habe, mehr hindurchschimmern lassen. Auch in schwierigen Zeiten!

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Predigt am 5. Januar 2025 in der Versöhnungskirche über Lukas 2, 41 – 52

Die Älteren unter uns werden sich vielleicht noch an eine beliebte Fernsehsendung erinnern, die den Titel trug: „Das ist Ihr Leben“. Ausgestrahlt wurde sie in den siebziger und neunziger Jahren des vorigen Jahrhunderts. Im Mittelpunkt standen prominente Menschen. Plötzlich tauchten Zeugen aus deren Leben auf und erzählten von früheren Begegnungen. In einer Art Nachruf zu Lebzeiten wurden vergangene Episoden noch einmal lebendig.

Zum Beginn des neuen Jahres ist es aber vielleicht auch für Sie ein interessantes Experiment: Fragen Sie sich, wer aus Ihrer Vergangenheit noch einmal erscheinen möge! Menschen aus der Schulzeit vielleicht oder der Studentenzeit, Kolleginnen und Kollegen aus dem Berufsleben; Menschen, zu denen der Kontakt abgebrochen ist. Frühere Zeitgenossen, die man damals als interessant und vielleicht auch wichtig erlebt hat. Ich könnte in meinem Fall einige nennen.

Jesus von Nazareth, den wir den Christus nennen, ist die Schlüsselfigur unseres Glaubens. Stellen wir uns vor, wir lebten im Jahr 30 unserer Zeitrechnung und sehen eine Sendung mit ihm. Personen aus seiner Umgebung erscheinen und schildern, wie sie ihn erlebt haben. Ich würde gerne Maria Magdalena hören, seine Mutter Maria, Judas Ischarioth und andere. Man könnte ein fiktives Theaterstück dazu schreiben; das biblische Material reicht dazu nicht aus. Interessanterweise hilft uns auch Paulus, dessen Schriften zeitlich am dichtesten an die Jesuszeit heranreichen, nicht weiter. Er hat Jesus persönlich nicht kennengelernt und beschäftigt sich nicht mit Einzelheiten seines Lebens.

Wenn wir uns trotzdem fragen: „Wie war Ihr Leben, Herr Jesus?“, fallen uns natürlich die vier Evangelien des Neuen Testaments ein. Sie erwecken doch manchmal den Eindruck, so etwas wie Biographien Jesu zu sein. Aber schnell müssen wir nüchtern feststellen: Es sind keine Augenzeugenberichte, sondern aus einem Abstand von 40 – 60 Jahren zum historischen Jesus geschrieben worden. Wir haben keine Dokumentation eines Reporters aus den Tagen von Jesus, der notiert hätte, was er sah und hörte. Theologen haben darum den Jesus der Evangelien als „erinnerten Jesus“ charakterisiert. Dahinter steckt die Vermutung, dass zunächst mündlich weitergegeben wurde, was man von Jesus wusste. Bis es schließlich in den Evangelien schriftlich fixiert wurde. Die Kultur des Orients war (und ist manchmal auch noch) eine Erzählkultur, und wir wissen alle, wie sich in den Erzählungen die ursprünglichen Informationen verändern.

Im Blick auf den historischen Jesus gibt es noch einen auffälligen Befund, den die Evangelien dokumentieren: Es wird fast nur das weitererzählt, was von Jesu öffentlichem Auftreten im Alter von etwa 30 Jahren bis zu seiner Kreuzigung bekannt war. Das umfasst einen Zeitraum von vielleicht 1 bis 3 Jahren. Über Jesu Leben davor schweigen die Evangelien von Markus und Johannes fast völlig, erwähnen nur seinen Heimatort Nazareth, und dass er wohl aus einer jüdischen Großfamilie stammte. Matthäus und Lukas füllen die lange Lebenslücke mit einigen Geschichten aus, die fest zu unserem Glaubensgut gehören: Ich nenne nur die Weihnachtsgeschichte des Lukas. „Es begab sich aber zu der Zeit…“

Dazu gehört auch der Text, dem man die Überschrift „Der 12jährige Jesus im Tempel“ gegeben hat und den wir vorhin als Evangelium gehört haben. Einige Passagen darin klingen tatsächlich wie eine Reportage: Die jährliche Wanderung von Jesu Eltern (der Name Joseph des Vaters wird nicht erwähnt) zum Passahfest nach Jerusalem, dabei der 12jährige Jesus. Als die Eltern schon auf dem Rückweg sind, merken sie, dass er fehlt. Sie vermuten ihn unter den Verwandten in der Pilgerschar und stellen schließlich fest, dass er verschwunden ist. Darum kehren sie schnell nach Jerusalem zurück, um ihn dort zu suchen.

So weit ist es eine Allerweltsgeschichte, in die Eltern unter uns sich gut hineinversetzen können: Plötzlich ist eines der Kinder verschwunden! „Der kleine Noah sucht seine Eltern“, hören wir aus dem Supermarktlautsprecher. Es könnte auch Emilia sein. Ich habe die beiden Namen gewählt, weil sie die Hitliste der beliebtesten Vornamen 2024 anführen. Und will jetzt nicht darüber nachsinnen, was Eltern bewegt, ihr Kind Noah zu nennen…

Jesu Eltern tun nach Lukas das, was leider viele Eltern tun, wenn sie ihr weggelaufenes Kind wiedergefunden haben: Sie machen ihm Vorwürfe! „Als seine Eltern ihn sahen, waren sie fassungslos und seine Mutter sagte zu ihm: Mein Sohn, warum hast du uns das angetan? Siehe, dein Vater und ich haben dich voller Kummer gesucht.“ Aber natürlich können wir uns in die Sorge der Eltern um ihr Kind gut hineinversetzen – auch wenn alles gut ausgeht in Jerusalem.

Die Fortsetzung im Lukasevangelium mag noch so geschehen sein: Der 12jährige hält sich im Tempel auf und hört den Lehrern zu. Jesu nächster Geburtstag war der 13., und mit 13 wird ein jüdischer Junge volljährig und in den Kreis der Männer aufgenommen. So weit eine kleine historisch-plausible Rekonstruktion. Was Lukas dann allerdings schildert, sprengt den geschichtlichen Rahmen: Er stellte den Lehrern im Tempel Fragen und „alle, die ihm zuhörten, staunten über seine Urteilskraft und seine Antworten“. Und an die Eltern gerichtet, fragt Jesus: „Wieso habt ihr nach mir gesucht? Wusstet ihr nicht, dass ich dort sein muss, wo mein Vater ist?“ Aber die Eltern verstanden nicht, was er damit meinte.

Wie gehört, endet die Geschichte damit, dass Jesus mit seinen Eltern herunter nach Nazareth wandert und ihnen gehorsam ist. Und schließlich diese Sätze: „Maria bewahrte alles in ihrem Herzen. Jesus aber wurde klüger und älter und erfreute sich immer mehr des Wohlwollens Gottes und der Menschen.“

Vielleicht ist deutlich geworden, dass ich unterscheide zwischen geschichtlicher Wahrscheinlichkeit und – jetzt kommt ein neuer Gedanke – der späteren Deutung des Geschehenen. Es gibt wohl keinen Zweifel, dass Jesus in Galiläa um das Jahr 30 unserer Zeitrechnung herum gelebt und gewirkt hat. Und dass er ein außergewöhnlicher Mensch gewesen sein muss.

Für den Religionsunterricht habe ich sein Wirken mal mit einer griffigen Formel zu umschreiben versucht: „Heilen – Teilen – Mitteilen“. Jesus hat Menschen wieder gesund gemacht; er hat zu Tischmahlzeiten eingeladen, auch die am Rande der Gesellschaft; und er hat als Bote Gottes in wunderbaren Gleichnissen und markanten Sprüchen mitgeteilt, was er unter dem kommenden Reich Gottes versteht.

Aber spätestens mit seinem gewaltsamen Tod am Kreuz und dem Ostergeschehen haben sich seine Anhänger mit der Frage beschäftigt, was denn dieser Jesus darüber hinaus für sie und – vielleicht – für die ganze Menschheit gewesen ist. Die Texte der Evangelien und der gesamten anderen Literatur des Neuen Testaments sind Ausdruck dieser Deutung – Lukas nimmt sie ganz verhalten bei der Schilderung des 12jährigen Jesus im Tempel auf: Er muss dort sein, wo sein himmlischer Vater ist. Das Alte Testament und teilweise auch die griechische Philosophie wurden für die Versuche, Jesu Deutung zu beschreiben, herangezogen.

Als eindrückliches Beispiel für die Frage der Bedeutung Jesu zitiere ich noch einmal aus der Epistel des heutigen Sonntags aus dem 1. Johannesbrief: „Gott hat uns ewiges Leben gegeben und in seinem Sohn ist dieses Leben da. Wer mit dem Sohn verbunden ist, hat das Leben; wer nicht mit dem Sohn Gottes verbunden ist, hat das Leben nicht.“ Auf eine Kurzformel gebracht: Jesus ist nicht nur die historische Person, sondern auch der Christus, der erwartete, von Gott Gesalbte. Ich erinnere an das vorhin gesprochene Glaubensbekenntnis, auf das ich noch einmal zurückkommen werde.

Vielleicht lässt sich mein bisheriger theologischer Vortrag so zusammenfassen: Wir sind vor die Frage gestellt, ob wir uns mit dem beschäftigen wollen, was von Jesus von Nazareth mit dem Abstand von fast 2000 Jahren zu uns herüberkommt – oder ob uns das anspricht, was gleichsam zeitlos von Christus gesagt wurde und bis heute gesagt wird. Hören Sie bitte meine Antwort: Mich hat die Frage nach dem historischen Jesus ein ganzes Leben lang beschäftigt. So als wünschte ich mir, aus den Quellen zu schöpfen und mich von dem inspirieren zu lassen, was mir da rüber kommt. Leben nach der Bergpredigt, Anstiftung zu tätiger Nächsten- und Fremdenliebe, Denken ohne Vorurteile… Das sind nur einige Stichworte zu den Lebensmodellen, die ich bei Jesus gefunden habe und finde.

Die andere Seite ist schwerer zu fassen, weil sie ein Geschehen zwischen Gott und den Menschen beschreibt, das weniger zum Tun führt als… Ja, wohin eigentlich? Zum Weltganzen, wenn gesagt wird, Christus war schon bei der Schöpfung dabei und wird am Ende der Zeiten wiederkommen. Zum ewigen Drama des Menschseins, wenn gesagt wird, Christus ist erschienen, um uns von unseren Sünden zu befreien. Andere Aussagen dieser Art wären möglich. Wenn wir wollen, können wir uns ihnen denkerisch nähern. Aber wenn wir es wollen, können wir auch das Geheimnis des Glaubens erspüren: In den alten Texten mit poetischer Kraft, die wir nicht gleich verstehen müssen; in der Liturgie des Gottesdienstes, wo wir uns Worten und der Musik öffnen; im Gebet; in der Stille; im Staunen über große Kunst. Auch diese Liste ließe sich erweitern.

Beide Wege, die ich vielleicht etwas plakativ beschrieben habe, sprechen mich an, vielleicht geht es Ihnen ähnlich. Und wenn einer oder eine meint, das Bild des historischen Jesus in den Evangelien reicht mir, ist es gut; und wenn die andere oder der andere meint, die darüber hinausgehenden Weltdeutungen und ihre christologischen Antworten sind notwendig, ist es auch gut. Oder eben auch beides! Bewahren wir uns die Schätze, die uns überliefert worden sind, und freuen wir uns an ihnen!

Dazu noch ein paar Anmerkungen zum Glaubensbekenntnis, das wir vorhin gesprochen haben. Historisch gesehen, ist nur die Passage „gelitten unter Pontius Pilatus, gekreuzigt, gestorben und begraben“ aussagekräftig; alles andere ist Deutung des Christusgeschehens. Die Frage: Stimmt das denn so?, geht ebenso in die Irre wie die fast verzweifelte: „Bekennen wir nicht dummes Zeug? – um es krass auszudrücken. Ich zitiere ein paar Sätze des Theologen Fulbert Steffensky („Das Haus, das die Träume verwaltet“, 1999):

„Nicht die Bilder einer Sprache sind wörtlich zu nehmen, sondern der Geist, der in diesen Bildern tanzt. … Kann man das, was das Glaubensbekenntnis sagen will, anders als in Bildern sagen? … Wenn also eine Gemeinde das Glaubensbekenntnis spricht, dann weiß sie, was sie spricht, und zugleich geben ihr die Bilder nicht genau vor, was sie zu denken hat. Die Bilder sind ein Raum, den wir betreten, den wir ausschmücken mit unserer Hoffnung…(Die Gemeinde) sagt sich, woher sie kommt, und sie sagt sich, wohin sie geht, wohin sie geht, und was ihre Lebensinteressen sind.“

„Ich glaube an den Heiligen Geist“, haben wir vorhin unter anderem gesprochen.

Ähnliches ließe sich vom Abendmahl sagen, das wir gleich feiern werden: Erinnerung an Jesu letztes Mahl, Zeichen der Verbundenheit zwischen den Feiernden. „Im Abendmahl grüßt der auferstandene Christus seine Gemeinde“, hat einer meiner theologischen Lehrer geschrieben…

Das war, liebe Gemeinde, keine leichte Kost. Und deshalb rufe ich uns mit Paulus noch einmal die leicht zu merkende Jahreslosung zu: „Prüft alles – und das Gute behaltet.“(Brief nach Philippi)