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Jörg Scholz


Predigt am 5. Dezember 2021 in der Versöhnungskirche über Jesaja 63,15-64,3

Liebe Gemeinde!

Im Januar 1912 verlässt der Dichter Rainer Maria Rilke für einen Augenblick sein Arbeitszimmer in einer Burg über dem Golf von Triest, um hinunter zum Meer zu gehen. Es ist heftiger Sturm. Und plötzlich meint er aus dem Tosen des Windes und des Meeres eine Stimme zu hören, die ihm zuruft: „Wer, wenn ich schrie, hörte mich denn aus der Engel Ordnungen? Und gesetzt selbst, es nähme einer mich plötzlich ans Herz; ich verginge von seinem stärkeren Dasein.“ Rilke schreibt diese Worte sofort auf - und es wird daraus der Anfang seiner berühmten 10 „Duineser Elegien“, eines seiner Hauptwerke. „Wer, wenn ich schrie, hörte mich denn aus der Engel Ordnungen? Und gesetzt selbst, es nähme einer mich plötzlich ans Herz; ich verginge von seinem stärkeren Dasein.“ Da schreit einer hinaus - in das All, in das Unendliche, vielleicht auch in sich selbst. Er benennt der Engel Ordnungen als Adressaten seines Schreis. Hört ihn denn einer? Und dann die tragische Erkenntnis: Selbst, wenn ihn einer hörte, wenn ihn einer ans Herz nähme - er müsste doch vor seinem stärkeren Dasein vergehen. Der nächste Satz der 1. Duineser Elegie heißt: „Das Schöne ist nichts als des Schrecklichen Anfang...“ Das klingt unendlich hoffnungslos, ist bestimmt von der Einsicht, dass die Begegnung mit Engelsmächten, vielleicht auch mit Gott, auch vernichten kann, weil da Energien, Kräfte am Werk sind, denen kein Mensch standhalten könnte, wenn er sie denn erführe.

Unwillkürlich müssen wir vielleicht an die Gottesbegegnung denken, die von Mose erzählt wird:

„Und Mose sprach zu Gott: Lass mich deine Herrlichkeit sehen!

Und Gott antwortet: Mein Angesicht kannst du nicht sehen;

denn kein Mensch wird leben, der mich sieht.“(2. Mose 33)

Was Mose bleibt, ist, dass er hinter Gott her sehen wird - und dass Gott seine Hand über ihn halten will.

Stimmt es, dass die Begegnung mit den Engelsmächten und erst recht die Begegnung mit Gott so machtvoll sind, dass wir Menschen sie gar nicht aushalten würden, ja, dass wir vor ihren vergehen, sterben würden? Können wir so etwas überhaupt denken? Vielleicht erinnern wir uns in diesem Zusammenhang an die Berufung des Paulus vor Damaskus: Er bleibt zunächst geblendet von dem himmlischen Licht, das ihn umstrahlt hat, seine Augen konnten dem nicht standhalten. Oder wir denken vielleicht an die Geschichte von der Verklärung, wo Petrus, Jakobus, Johannes und Jesus auf dem heiligen Berg sind, Jesus verwandelt wird - und die Jünger auf ihr Angesicht fielen und erschraken. Manchmal berichten Menschen von ähnlichen Träumen, und immer haben sie auch einen Aspekt des Furchtbaren; als hätten sie etwas gesehen, was niemand in Wirklichkeit sehen darf. Das Allerheiligste des Jerusalemer Tempels durfte niemand betreten außer einmal im Jahr der Hohepriester - und noch heute vermeiden es fromme Juden, in den im 8. Jahrhundert anstelle des Tempels gebauten moslemischen Felsendom zu gehen, weil sie den Platz des ehemaligen Allerheiligsten fürchten.

Ich nehme an, wir könnten die Frage, ob es stimmt, dass die Begegnungen mit dem Heiligsten, Höchsten, das wir uns vorstellen können, ein Spiel auf Leben und Tod werden könnten, gar nicht beantworten. Vielleicht sind es gar nicht unsere Fragen, vielleicht übersteigen sie unsere alltäglichen Erfahrungen und Erwartungen so sehr, dass wir uns damit gar nicht beschäftigen wollen. Doch mag uns vielleicht noch ein Bild weiterhelfen, das uns einleuchten könnte: Wir leben, weil es in unserer Nachbarschaft eine Sonne gibt, ohne die kein Leben möglich wäre. Und aus der sicheren Entfernung der Erde zu ihrer Sonne heraus, können wir uns sogar in die Sonne legen - oder wir sehnen uns in diesen trüben Tagen nach ihr. Und gleichzeitig wissen wir doch: Kämen wir zu nah an diese lebensspendende Sonne heran, würden wir vergehen; wir hielten weder ihrer Hitze noch ihrer Strahlung stand. Ist es ähnlich mit Gott? Ist er unser Name dafür, dass da, wo er ist, höchste Energie, höchste Macht, größte Fülle, verdichtetstes Sein ist - und dass doch die direkte Kontaktnahme mit ihm tödlich wäre? Wir Menschen könnten sie nicht aushalten. Manchmal wünschte ich mir „Gotteserfahrungen“, vielleicht in einem Traum, aber ich beginne zu begreifen, dass ich ihnen womöglich auch nicht standhalten könnte.

Also zurück zum alltäglichen Leben, zum mehr oder weniger gelungenen Versuch, die Strecke Weges, die Gott mir auf dieser Erde geschenkt hat, gut über die Runden zu bringen. Keine Sehnsucht nach Gott dabei? Nur der tägliche Rhythmus: aufstehen, arbeiten, essen und trinken, mit anderen zusammen sein, sich um Politik und Gesellschaft kümmern - und abends todmüde ins Bett fallen. Gut, manchmal den Alltag durchbrechen, Urlaub machen, feiern oder was sonst noch Schönes gibt. War’s das? Gibt es denn zwischen der risikoreichen Gottesbegegnung und dem Alltagstrott keine Zwischentöne? Gibt es nur ein Entweder-Oder?

Doch noch einmal mit Rilke gesprochen: Schreien wir denn gelegentlich auch so: Wer, wenn ich schrie...? Kommt da etwas aus unserem Inneren, das mehr will als das ewig nur Gleiche - und weniger bräuchte als die direkte Begegnung mit Gott oder seinen Engeln? Wann habe ich zuletzt aufgeschrien aus Empörung, aus Sehnsucht nach Sinn, aus Verzweiflung über Misslungenes, wann hat mich innerlich etwas so gepackt, dass ich es nicht mehr aushalten konnte - und ich wollte eine Antwort, eine Lösung, eine Wegweisung? So frage ich mich - und so frage ich Sie, liebe Gemeinde. Und überlasse es jedem von uns, darauf eine Antwort zu geben. Und vielleicht spüren wir, dass so ein elementares, aus dem Inneren kommendes Schreien etwas anderes wäre als nur Jammern und Klagen, wozu wir Deutschen, wie die Leserbriefseiten der Zeitungen zeigen, ja manchmal neigen.

Hören wir jetzt von einem anderen, der es gewagt hat, zu schreien, der es Gott geradezu ins Gesicht geschrien hat. Die Exegeten nennen ihn den dritten Jesaja, seine Worte sind die des 56. bis 66. Kapitel des Jesaja-Buches. Und sie sind wahrscheinlich entstanden unmittelbar nach der Zeit, wo die Babylonier 587 vor Christus Jerusalem und den Tempel zerstört hatten. Ein Stück dieses 3. Jesaja ist der heutige Predigttext, das Ende des 63. und der Anfang des 64. Kapitels. Es sind Worte, die so gewaltig sind wie die anfangs von Rilke zitierten - und wir werden sie womöglich beim einmaligen Zuhören gar nicht alle nachvollziehen können. Also, hören Sie bitte mehr auf die Tonlage, auf das Gesamte statt auf die Einzelheiten.

„So schau; Gott, nun vom Himmel und sieh herab von deiner heiligen, herrlichen Wohnung! Wo ist nun dein Eifer und deine Macht? Halte dich doch nicht an dich, denn du bist du doch unser Vater; denn Abraham weiß von uns nichts, und Israel kennt uns nicht. Du, HERR, bist unser Vater; »Unser Erlöser«, das ist von alters her dein Name.

Warum lässt du uns, HERR, abirren von deinen Wegen und unser Herz verstocken, dass wir dich nicht fürchten? Kehr zurück um deiner Knechte willen, um der Stämme willen, die dein Erbe sind!

Kurze Zeit haben sie dein heiliges Volk vertrieben, unsre Widersacher haben dein Heiligtum zertreten.

Wir sind geworden wie solche, über die du niemals herrschtest, wie Leute, über die dein Name nie genannt wurde. Ach dass du den Himmel zerrissest und führest herab, dass die Berge vor dir zerflössen,

wie Feuer Reisig entzündet und wie Feuer Wasser sieden macht, dass dein Name kund würde unter deinen Feinden und die Völker vor dir zittern müssten,

wenn du Furchtbares tust, das wir nicht erwarten - und das man von alters her nicht vernommen hat. Kein Ohr hat gehört, kein Auge hat gesehen einen Gott außer dir, der so wohl tut denen, die auf ihn harren.

Du begegnetest denen, die Gerechtigkeit übten und auf deinen Wegen deiner gedachten. Siehe, du zürntest, als wir von alters her gegen dich sündigten und abtrünnig wurden.“

Jesaja 63,15-16.(17-19a).19b; 64,1-3

Da schreit auch einer, stellvertretend für sein ganzes Volk. Er schreit seine Schuld heraus und aller Versagen: „Wir sind geworden wie solche, über die du, Gott, niemals herrschtest, wie Leute, über die dein Name nie genannt wurde.“ Aber er bringt, ganz anders als Rilke, dies direkt mit Gott in Verbindung, schreit ihm ins Angesicht: „Halte dich doch nicht an dich, denn du bist doch unser Vater“, tu was, zerreiß die Himmel, dass die Berge zerfließen. Beachten wir beides: Das Herausschreien des eigenen Versagens und die direkte Auseinandersetzung mit Gott, der - obwohl gefürchtet - als Gegenüber ernst genommen, ja sozusagen beim Namen genommen wird.

Mir scheint: zwischen dem Bewältigen des Alltags mit seinem Trott und der Suche nach der unmittelbaren Gottesbegegnung wird hier tatsächlich so etwas wie ein dritter Weg beschritten: Die schonungslose Analyse dessen, was ist, und der Mut, diese Analyse vor Gott zu bringen, ja ihn damit zu konfrontieren. Hören wir recht: Es geht nicht um die Frage, die ja auch immer wieder gestellt wird: Wie konnte Gott das zulassen? Also: Wie kann Gott die Kriege zulassen oder die anderen Konfliktherde auf dieser Erde, oder dieses Erdbeben oder dieses individuelle Leid - sondern es geht um ein Eingeständnis menschlicher Schuld und dennoch um die Bezugnahme auf Gott. Er wird, im Aufschrei, darein verwickelt, er wird gebeten, erneuernde Möglichkeiten zu schenken, aber er wird nicht als Verursacher gesehen.

Können wir damit etwas anfangen? Können wir so mit Gott streiten - ohne von uns abzulenken? Nehmen wir als aktuelles Beispiel die Welt-Klima-Konferenz im schottischen Glasgow. Da haben junge Menschen, meistens friedlich, gegen die Arroganz der Mächtigen und der Kartelle protestiert. Sie haben ihre Verzweiflung herausgeschrien. Gott ist nicht schuld daran, dass Menschen hungern, dass Arme ausgebeutet werden, dass die Preise für die wichtigsten Nahrungsmittel von den großen Börsen festgelegt werden oder die Samen gentechnisch verändert werden. Das ist Sache von uns Menschen. Aber es darf vor Gott gebracht werden, und es wird ihn nicht unberührt lassen. So ist die Hoffnung des 3. Jesaja zu beschreiben, und er sagt am Schluss: „Du begegnetest denen, die Gerechtigkeit übten, und auf deinen Wegen deiner gedachten.“ Da ist Gott. Und das ist kein furchtbarer Gott, sondern einer der mitgeht. Ich möchte Gott so in Anspruch nehmen, mich ihm so nähern, und ich hätte keine Angst vor ihm. Fragen muss ich mich vielleicht (oder auch Sie, liebe Gemeinde), warum wir es nicht öfter tun. Übrigens ist das, möchte ich an dieser Stelle einmal sagen, der Sinn unserer Fürbittengebete am Ende des Gottesdienstes. Sie stehen manchmal in der Gefahr, Gott für etwas verantwortlich zu machen, was unsere Verantwortung ist. Aber sie tun etwas Richtiges: Wenn sie die Dinge vor Gott benennen und um seine Hilfe bitten.

Ich gebe zu, da war nichts von besinnlicher Adventsstimmung. Der Dichter Jochen Klepper hat kurz vor seinem und seiner jüdischen Frau Freitod zu dem Text des 3. Jesaja geschrieben: „Weihnachten ist da, und noch immer schreit das Herz: ‘Ach, dass du den Himmel zerrissest und führest hinab!’ Und er ist doch herabgefahren; und wir glauben es fest - Und sind doch in so entsetzliche Verwirrung und Versuchung und Verirrung geraten.“

Es wäre so wunderbar, wenn ähnliche Worte nicht unsere letzten wären: Sondern wenn wir sagen könnten, Weihnachten ist da, und Gott ist herabgefahren, ja er ist in Christus ein Mensch wie wir geworden, damit weder verzweifeln noch uns überheben, sondern damit wir in seinem Namen leben können. Amen.

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Da ging Noah hinaus aus der Arche, er und seine Söhne und seine Frau und die Frauen seiner Söhne mit ihm.

Alle Tiere, alle kriechenden Tiere und alle Vögel, alles was kriecht auf der Erde nach ihren Arten, gingen aus der Arche.

Und Noah baute Gott einen Altar; und er nahm von allem reinen Vieh und von allen reinen Vögeln und opferte Brandopfer auf dem Altar.

Und Gott roch den wohlgefälligen Geruch, und Gott sprach in seinem Herzen: Nicht noch einmal will ich den Erdboden verfluchen um des Menschen willen; denn das Sinnen des menschlichen Herzens ist böse von seiner Jugend an; und nicht noch einmal will ich alles Lebendige schlagen, wie ich getan habe.

Von nun an, alle Tage der Erde, sollen nicht aufhören Saat und Ernte, Frost und Hitze, Sommer und Winter, Tag und Nacht.

(1. Mose 8, 18-22)


Predigt am 17. Oktober 2021

Liebe Gemeinde!

Wir kennen die uralte Geschichte von der Sintflut und der Arche. Für alles, was da kreucht und fleucht, aber auch für Noah und seine Familie, ist ja - gottseidank - alles noch einmal gutgegangen. Gottseidank, so empfindet es Noah auch, und er bringt, endlich wieder an Land, Gott ein Dankopfer dar. Und dieses Opfer scheint Gott so gnädig zu stimmen, dass er, der Gott Israels, der Jahwe genannt wird, geradezu feierlich schwört: „Von nun an, alle Tage der Erde, sollen nicht aufhören Saat und Ernte, Frost und Hitze, Sommer und Winter, Tag und Nacht.“ Nach dem Chaos der Sintflut soll nun etwas Bleibendes, Beständiges sein - alle Tage der Erde lang. Dieser Text aus einer der ältesten Quellen des Alten Testaments wurde aufgeschrieben vor etwa 3000 Jahren, aber wir können davon ausgehen, dass dahinter viel ältere Erfahrungen stecken. Irgendwann in der unendlich langen Menschheitsgeschichte muss die Entdeckung der Regelmäßigkeit der natürlichen Zusammenhänge stattgefunden haben - und sie hat die Menschen immer wieder erstaunt, beruhigt und getröstet. Jetzt haben wir Herbst, der Winter wird folgen - und doch verlassen wir uns schon heute darauf, dass in einem halben Jahr der Frühling wieder einziehen wird, dass die Knospen treiben und die Tage wieder wärmer werden.

Blickt man in die Erdgeschichte zurück, so können wir vielleicht kaum glauben, dass es nach heutiger wissenschaftlicher Erkenntnis einmal Zeiten gegeben hat, wo dieser natürliche Rhythmus von Frost und Hitze, Sommer und Winter, Tag und Nacht, noch nicht bestanden hat. Wo es sehr wahrscheinlich, nachdem der Feuerball Erde sich abgekühlt hatte, Hunderttausende von Jahren nur geregnet und gewittert hat. Daraus sind unsere Ozeane entstanden. Oder wo es, was noch gar nicht so lange her ist, Eiszeiten gegeben hat und keinen Wechsel der Jahreszeiten, wie wir sie kennen. Aber dann hat sich alles doch so stabilisiert, wie wir es erleben und wie es der Autor des Alten Testaments beschreibt. Und doch wissen wir heute: auch das ist nicht ewig. Einmal leben auf diesem, kosmisch gesehen, winzig kleinen Kügelchen Erde Menschen, die das Klima verändern können (und durch den Treibhauseffekt auch schon verändern). Und zum anderen: selbst wenn der Mensch davon ablässt, in die natürlichen Abläufe einzugreifen - spätestens dann, wenn in vielleicht vier Milliarden Jahren die Sonne ihre Energie verbraucht haben wird, wird diese Erdzeit mit ihrer Schöpfung zu Ende gehen. Ganz zu schweigen davon, was passieren würde, wenn ein riesiger Meteor unsere Erde treffen würde, wie es vielleicht der Fall war, als die Dinosaurier ausstarben. Übrigens hat kein Geringerer als Paulus auch die Vergänglichkeit der Schöpfung mitbedacht, wenn er im Römerbrief schreibt: „Die Schöpfung ist ja unterworfen der Vergänglichkeit - ohne ihren Willen, sondern durch den, der sie unterworfen hat -, doch auf Hoffnung; denn auch die Schöpfung wird frei werden von der Knechtschaft der Vergänglichkeit zu der herrlichen Freiheit der Kinder Gottes. Denn wir wissen, dass die ganze Schöpfung bis zu diesem Augenblick mit uns seufzt und sich ängstet.“ Auch das All ist vergänglich, und seine Erlösung steht noch aus als ein Akt Gottes, der allein der Ewige ist. Es waren im vorigen Jahrhundert der Katholik Teilhard de Chardin und der evangelische Theologe Paul Tillich, die versucht haben, auch den Kosmos in ihr theologisches Denken mit einzubeziehen. Tillich hat mit tiefen Gedanken die Bedeutung Jesu Christi für die Menschheit beschrieben, aber er hat auch die Frage gestellt, ob wir uns vorstellen können, dass es in anderen Welten andere Weisen der Erlösung geben kann als die durch Christus.

Doch wir leben auf dieser wunderbaren Erde und wir dürfen mit dem Alten Testament feststellen, dass wir in einer Erdepoche leben, die trotz Erdbeben, Sturzfluten und Vulkanausbrüchen einigermaßen beständig ist. Dass das jetzt so ist, das müsste uns Menschen eigentlich dankbar sein lassen, im Sinne unseres Textes gesprochen: wir müssten Gott Opfer bringen und müssten hoffen, dass er sie so gnädig annimmt wie die Opfergaben des Noah. Es ist für mich geradezu anrührend, wie sinnlich Gott im Alten Testament noch beschrieben werden konnte: er roch den wohlgefälligen Geruch, heißt es, er zieht ihn sich förmlich durch die Nase - so wie nachher vielleicht bei Ihnen zu Hause der Sonntagsbraten duftet. Übrigens: unser Erntedankfest, heute vor vierzehn Tagen gefeiert, ist ja vielleicht noch ein Abglanz des Opfers, das Noah Gott dargebracht hat - hoffentlich hat es gut in Gottes Nase gerochen!

Ich habe mich selbst gefragt, liebe Gemeinde, was mir die Verheißung Gottes, dass „von nun an, alle Tage der Erde, nicht aufhören sollen Saat und Ernte, Frost und Hitze, Sommer und Winter, Tag und Nacht“, selbst bedeutet. Tatsache ist doch, dass unser technisiertes Leben im Mitteleuropa des 21. Jahrhunderts fast unabhängig zu sein scheint von den natürlichen Rhythmen. Ich mag die nasskalten Tage nicht so sehr, aber ich spüre doch wenigstens in Ansätzen so etwas wie das Eingebettetsein in den Wechsel der Jahreszeiten, und ich erlebe es schon für mich als etwas, das mich immer auch wieder hoffnungsvoll nach vorne blicken lässt. Manchmal denke ich: mein Gott, wie viele Frühjahre und Sommer und Herbste und Winter hast du nun schon erlebt! Allerdings registriere ich auch, dass viele Menschen um mich herum dies gar nicht mehr so wahrzunehmen scheinen, vielleicht auch eine Folge davon, dass wir jederzeit alle Naturprodukte kaufen können unabhängig von der Jahreszeit und dass bei Reisezielen vorweg der Wunsch steht, sozusagen das Paradies wiederzugewinnen, das heißt: Sonne, Sand und Meer. Vielleicht müssen wir einfach auch zur Kenntnis nehmen, dass das Verhältnis zur Natur heute deshalb gebrochen ist, weil viele gar nicht mehr die Abhängigkeit von den natürlichen Rhythmen kennen, wie es noch jeder Besitzer eines noch so kleinen Gartens empfindet.

Und wenn man noch einen Schritt weitergeht und fragt, ob die Rolle unserer Erde im scheinbar ewigen Kosmos eine Bedeutung hat, so scheint auch dies bei vielen Zeitgenossen keine Rolle zu spielen. „Wenn ich sehe die Himmel, deiner Finger Werk, den Mond und die Sterne, die du bereitet hast“, heißt es im 8. Psalm. Wie ergeht es uns, wenn wir einmal in einer klaren Nacht in den Himmel blicken? Können wir darüber staunen, dass wir wissen, dass unsere kleine Erde ihre kosmische Existenz der Sonne verdankt und deren Position am Rande der Galaxie, die wir Milchstraße nennen? Kommen uns Fragen, wenn wir vielleicht die große Andromeda-Spirale, unsere Nachbar-Galaxie entdecken, ebenfalls bestehend aus Milliarden Sonnen, um die, wer weiß es, vielleicht auch Planeten kreisen mit intelligenten Wesen darauf? Mich überkommt dann schon ein Staunen, eine Ahnung davon, dass ich ein Teil dieses unendlichen Alls bin - aber ich weiß eben auch, dass es Zeitgenossen gibt, die das einfach kalt lässt.

Aber kehren wir noch einmal zum Gottesbild des Alten Testaments zurück. Er verheißt, weil ihm der Geruch des Opfers angenehm war, dass die natürlichen Rhythmen nun so bleiben sollen, wie sie sind. Aber dieser Gott hat gleichzeitig, wenn man so sagen will, vom Menschen „die Nase voll“. „Denn das Sinnen des Menschen ist böse von Jugend an.“ Deshalb kam ja auch die Sintflut, weil Gott die Menschen als böse erlebte; deshalb wird bald danach die Zerstörung des Turms von Babel kommen. Seit dem Essen vom Baum der Erkenntnis ist der Mensch in den Augen Gottes ständig in der Versuchung, das Falsche zu tun, er ist böse. So sieht ihn die alte Quelle der 5-Bücher-Mose. Wenn man so will, kann man auch sagen: Gott steht vor dem Scherbenhaufen dessen, was er am Anfang auf dieser Erde selbst geschaffen hat. Warum hat Gott die Schlange denn nicht zurückgepfiffen, als sie erst die Frau und dann diese den Mann verführte? Was ich hier so flapsig ausdrücke, sind Fragen von großer theologischer Tragweite, und sie gipfeln für mich in dem Satz, dass Gott offensichtlich - zumindest auf dieser Erde - den Menschen als freies Gegenüber wollte, auch wenn er sich damit sozusagen einen Haufen Ärger aufgehalst hat. Doch hält Gott seine Zusage an den Menschen aufrecht, dass er von ihm nicht lässt - und zumindest die Natur soll dem Menschen ewige Beständigkeit und Sicherheit geben. Ich muss wohl kaum aufzählen, was der freie Mensch in den letzten dreitausend Jahren aus seiner gottgewollten Freiheit alles gemacht hat, während Gott doch zumindest seine Zusage des Andauerns der natürlichen Rhythmen für nun schon eine ganze Menge Generationen gehalten hat.

Wie kompliziert das mit der gottgewollten menschlichen Freiheit ist, das merken wir, wenn wir aufmerksam sind, an allen Ecken und Enden. Immer wieder scheitern wir, immer wieder tun wir nicht, was im Sinne Gottes wäre. Und deshalb ist ja auch die Sehnsucht nach guten Ordnungen so groß, von denen auch das Evangelium vorhin gesprochen hat. (Markus 10: "Jesus über Ehescheidung")

Bleiben wir noch einen Moment beim Umgang mit der Schöpfung. „Ich glaube an Gott, den Vater, den Allmächtigen, den Schöpfer des Himmels und der Erde“, haben wir vorhin im Glaubensbekenntnis gesprochen. Und es ist schon eine Frage an uns, ob wir im scheinbar ewigen Kreislauf der Natur und der Sternenbahnen so etwas wie die schöpferische Macht Gottes wahrnehmen, ob daraus vielleicht eine Liebe zu allem Natürlichen in uns entsteht, die unser Leben bereichert und manchmal auch hält. Und ob wir uns immer wieder auch die Frage stellen, ob unsere Lebensweise dem auch entspricht. Ich will keineswegs pharisäerhaft so tun, als sei ich selbst auch darin nicht immer wieder auch „böse“. Und wir können sicher nicht zurück in ein Leben, das ganz und gar eingebettet ist in die Natur. Aber unser Umgang mit Energie, unser Verhältnis zu den Verkehrsmitteln, die wir benutzen, unser Kaufverhalten, was Nahrung angeht, unsere Einstellung zur gentechnischen Veränderung von Lebensmitteln - das alles sollte wenigstens immer wieder bedacht und kritisch begleitet werden.

Und doch bleibt für mich noch eine wichtige Frage: Reicht das Wissen aus für uns Menschen, ein Teil der Schöpfung zu sein und in diese fast ewige Ordnung eingebunden zu sein? Unser Leben hat nur einen Frühling, nur einen Sommer und nur einen Herbst - und der Tod wäre dann der ewige Winter. Unser Leben ist eingebunden in die natürlichen Rhythmen, aber es ist dem, weil wir um den Tod wissen, doch letztlich wieder entzogen. Das ist anders bei den östlichen Religionen, die von der Wiedergeburt sprechen. Judentum, Christentum und Islam sehen die Wegstrecke menschlichen Lebens auf dieser Erde so, dass sie einen Anfang und ein Ende hat und es keine Wiederkehr in einer vielleicht auch anderen Daseinsform gibt. Und so müssen wir immer wieder den Versuch unternehmen, dieses Leben mit Sinn zu erfüllen und dem „bösen“ Menschen in uns etwas entgegenzusetzen. Das Wissen um das Eingebundensein in die Schöpfung scheint mir da nicht auszureichen, so wichtig es ist. Um es theologisch sehr knapp zu sagen: Hier setzt meines Erachtens die Frage nach der Bedeutung Jesu ein. Er ist gekommen, um unser Menschsein immer wieder aufzurichten, den „bösen“ Menschen zu erlösen und uns die Verheißung ewigen Lebens bei Gott zu geben.

Sagen wir es abschließend so: wo die schöpferische Macht Gottes staunend aufgenommen und der menschenerlösenden Kraft Christi geglaubt wird, da kann der Geist Gottes in unserem brüchigen Leben wirksam werden. Wie wir es Sonntag für Sonntag mit den alten Worten des Glaubensbekenntnisses aussprechen. Amen