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Jörg Scholz



Predigt am Neujahrstag 2023 in der Versöhnungskirche über Mt. 2,1-12
„Nachdem nun Jesus in Bethlehem in Judäa geboren worden war in der Regierungszeit des Königs Herodes, siehe, da kamen Weise aus dem Morgenland nach Jerusalem und erkundigten sich: Wo ist der gerade geborene König der Juden? Wir haben seinen Stern aufgehen sehen und sind gekommen, ihm zu huldigen. Als der König Herodes das hörte, war er fassungslos und mit ihm ganz Jerusalem; und er rief alle Hohenpriester und Schriftgelehrten des Volkes zusammen, um von ihnen zu erfahren, wo der Messias geboren werden solle. Sie gaben ihm zur Antwort: In Bethlehem in Judäa; denn so steht es bei dem Propheten: »Und du, Bethlehem, im Land Juda, bist keinesfalls die unbedeutendste unter den Fürstenstädten Judas; denn aus dir wird ein Fürst hervorgehen, der mein Volk Israel führen wird.« Da rief Herodes heimlich die Weisen und wollte von ihnen genau wissen, wann der Stern erschienen sei; und er schickte sie nach Bethlehem mit dem Auftrag: Zieht los und forscht sorgfältig nach dem Kind; wenn ihr es aber gefunden habt, berichtet mir davon, damit auch ich komme und ihm huldige! Sie hörten auf die Worte des Königs und zogen los; und siehe, der Stern, den sie hatten aufgehen sehen, zog ihnen voraus, bis er über dem Ort stehen blieb, wo das Kind war. Als sie den Stern sahen, war ihre Freude überschwänglich. Sie betraten das Haus und sahen das Kind mit seiner Mutter Maria; sie warfen sich zu Boden, huldigten ihm, öffneten ihre Schatzkisten und brachten ihm Geschenke dar: Gold, Weihrauch und Myrrhe. Und weil sie im Traum eine göttliche Weisung erhielten, nicht zu Herodes zurückzukehren, zogen sie auf einem anderen Weg wieder in ihre Heimat.“

(eigene Übersetzung)


Im Umgang mit der Zeit - keine Angst, ich werde jetzt nicht Einsteins Relativitätstheorie referieren, das würde mich überfordern - also im Umgang mit der Zeit leben wir Menschen in der westlichen Kultur ja gleichsam zweispurig. Heute ist Neujahr, ein neues Jahr hat begonnen und manche haben vielleicht in der vergangenen Nacht tolle Vorsätze für dieses neue Jahr gefasst. Noch knapp 365 Tage dieses neuen Jahres liegen vor uns - und dann kommt wieder Silvester und wieder ein neues Jahr. „Wir gehn dahin und wandern von einem Jahr zum andern; wir leben und gedeihen vom alten bis zum neuen“, haben wir eben mit den Worten Paul Gerhardts gesungen. Dieses Verständnis der Zeit hat einen Rhythmus, und wir brauchen nicht lange zu suchen, woher er kommt: aus dem ewigen Kreislauf der Natur. „Solange die Erde steht, soll nicht aufhören Saat und Ernte, Frost und Hitze, Sommer und Winter, Tag und Nacht.“ So hat Gott es Noah nach der großen Flut versprochen - und so wird es bleiben, wenn der Mensch nicht doch die natürlichen Rhythmen völlig aus dem Lot bringt. Das christliche Kirchenjahr entspricht dieser Auffassung von der Zeit: Ostern, Pfingsten, Weihnachten und alle die anderen Zäsuren im Jahresablauf. Also, modern gesprochen: Der Jahresrhythmus verschafft uns Planungssicherheit und so tragen wir jetzt schon den Kalender ein, was wir - beispielsweise - im Sommer zu tun gedenken.

Dem steht ein anderes Verständnis von Zeit gegenüber, das sich auch aus christlichen, aber ursprünglich vor allem aus jüdischen Quellen speist: Die Zeit hat mit der Schöpfung einen Anfang und sie hat irgendwann ein Ende, und dazwischen bewegen sich der Mensch und alles auf dieser Erde gleichsam auf einem in die Zukunft offenen Strahl. Nach dieser Auffassung gibt es keine Wiederkehr des Gleichen, die Zeit ist nach vorne hin offen - und das ist ein Gedanke, der ja auch mitunter Angst machen kann. Wir wissen nicht, was morgen sein wird, wie lange wir noch leben oder wohin die Menschheitsreise geht. „Die Zukunft liegt in Finsternis und macht das Herz uns schwer“ - so habe ich es meiner Jugendzeit mal in einem Lied gelernt.

Astrologie ist ein Versuch, die beiden Auffassungen von der Zeit miteinander zu kombinieren. Der Lauf der Gestirne scheint ewig zu sein, die Sternkreiszeichen wiederholen sich (nebenbei: im Blick auf die Entwicklung des Alls stimmt das eigentlich nicht) und so versucht der Mensch, aus ihnen abzulesen, was das für seinen Weg in die Zukunft bedeuten könnte. Ich meine jetzt nicht die täglichen Mini-Horoskope, ich meine die große Astrologie, die den Gang der Dinge mit Hilfe der Sterne abzulesen versucht. Ob es eine ernstzunehmende Wissenschaft ist, darüber lässt sich ja streiten, aber warum soll es nicht ein ernstzunehmender Versuch sein, der ewigen Zeit eine Deutung abzugewinnen, die, das wäre das Schönere, Hoffnung in sich birgt.

Das Neue Testament erzählt die wunderbare Geschichte, die wir eben gehört haben, von den Weisen aus dem Morgenland, man kann auch übersetzen: von den Magiern oder Sterndeutern aus dem Morgenland. Eigentlich ist nicht ganz klar, wie viele es waren - späte christliche Schriften haben aus ihnen drei gemacht, wohl wegen der drei Geschenke, die sie mitbrachten - und jedes Kind weiß sogar, wie sie hießen: Kaspar. Balthasar und Melchior, obwohl Matthäus gar keine Namen nennt. Aber drei ist nun mal eine heilige Zahl - die Zahl der göttlichen Vollkommenheit, und so wollen wir auch bei der Annahme bleiben, es seien drei gewesen. Im Orient, in Babylon zumal, war die Deutung der Sterne sehr beliebt, man wollte herausbekommen, unter „welchem Stern ein Leben steht“ und so sagen wir es ja auch heute noch. Und das war Aufgabe von Magiern bzw. Weisen.

Und die drei müssen einen Stern gesehen haben, der sie in Unruhe versetzt hat - in eine so große Unruhe, dass sie sich auf einen langen Weg machen; man spricht von zwei Jahren. Heute würde man sagen: Sie steigen wegen dieses Sterns für lange Zeit aus ihrem gewohnten Leben aus. Sie wollten jedenfalls dem Geheimnis dieses Sterns auf die Schliche kommen. Denn ihre Annahme war, dass dieser Stern die Geburt eines Großen anzeigt: Des Königs der Juden. Es ist äußerst interessant, zu sehen, wie der Text des Matthäus hier die Astrologie des Ostens ernst nimmt.

Sie erreichen nach langer Wanderung Jerusalem und begeben sich ausgerechnet zum dort regierenden König Herodes, einem Tyrannen, und erzählen ihm von der Geburt des königlichen Kindes. Ich will die Einzelheiten jetzt nicht weiter analysieren: jeder Zug der Matthäus-Geschichte hat alttestamentliche Anspielungen, es ist ein unglaublich kunstvoller Text, der zum verdichteten Bild der nach Bethlehem kommenden Weisen gerinnt, die schließlich am Ziel sind, das Kind und seine Mutter sehen, dem Kind huldigen und ihm Gold, Weihrauch und Myrrhe (alles Kostbarkeiten des Orients schenken). Wie unendlich oft ist diese Szene in der Geschichte der Kunst dargestellt worden! Am Ende, knapper kann man es nicht schildern, ziehen sie dann auf göttliche Weisung hin, an Jerusalem vorbei, wieder in ihre Heimat.

Merkwürdig: Die Astrologie, die sich mit der rhythmischen Zeit beschäftigt, führt die Magier zu einem Ereignis, das auf dem Zeitstrahl einmalig ist und durch einen einmaligen Stern angezeigt wird: Der Geburt des Kindes. Unsere Zeitrechnung - und trotz anderer Kalender in anderen Kulturen ist es die offizielle Weltzeit - trägt dem bis heute Bedeutung, wenn sie die Zeit einmalig in die vor und in die nach Christus einteilt. Das Wort dafür heißt „Zeitenwende“ – übrigens gerade zum Wort des Jahres 2022 gekürt. Aber damit ist eine andere Zeitenwende gemeint: Die durch den Ukrainekrieg verursachte. Übrigens haben weder die französische Revolution noch die sowjetische es vermocht, die christliche Zeitenwende von „vor Christus“ und „nach Christus“ bleibend zu verändern.

Viele Fragen ließen sich nun an uns daran knüpfen! Halten wir es für berechtigt, dass die Zeit eine solche Zäsur gefunden hat, die in der Geburt des Jesuskindes liegt? Wie wollen wir das Menschen anderer Religionen und Kulturen gegenüber vertreten und erklären? Reicht es aus, von der Geburt des Kindes zu sprechen - oder sind wir nicht geradezu gezwungen, die weitere Geschichte dieses Kindes, wie sie uns die Evangelien erzählen, mitzudenken? Gibt die Zäsur vor nunmehr 2023 Jahren dem Zeitstrahl des Lebens in die offene Zukunft hinein so etwas wie Hoffnung, so dass der Blick nicht nur zurückgeht, sondern auch nach vorne? Wohin würden wir uns - unser bisheriges Leben ändernd - aufmachen?

Diese Fragen gebe ich Ihnen mit, ich will sie heute nicht beantworten. Ich möchte vielmehr auf die Antworten verweisen, die in der 5. und 6. Kantate des bekannten „Weihnachtsoratoriums“ von Johann Sebastian Bach anklingen. Diese beiden Teile nehmen den Text des Matthäus-Evangeliums auf, um den es heute geht.

Wie sieht Bachs Antwort aus? Das Erste, was mir bemerkenswert erscheint, ist die Beobachtung, dass Bach das Geschehen um die Magier herum nicht außen, nicht an Jerusalem und Bethlehem festmacht, sondern eine ganz andere Ortsanweisung gibt: Das Damalige wird ins Innere des Menschen verlegt, vertreten durch die Alt-Stimme der Maria. „Wo ist der neugeborene König der Juden?“ singen die Weisen ganz aufgeregt - und Marias Antwort ist: „Sucht ihn in meiner Brust - hier wohnt er, ihm und mir zur Lust.“ Der Stern am Himmel wird zum Stern in unseren Herzen, die, wie es im Schlusschoral heißt, zwar eigentlich eine finstere Grube sind - aber heller als von tausend Sonnen durch den Gnadenstrahl erleuchtet werden. Das Herz ist Jesu Thron, singt Maria. Mag die Sprache barock oder pietistisch angehaucht bleiben, ich möchte uns nur noch darauf aufmerksam machen, dass das doch ein erwähnenswerter Gedanke ist: Wie steht es um unser Inneres, unsere Herzen und was kann uns erleuchten?

Und schließlich noch ein zweiter Gedanke, der durch die Kantate hindurch schimmert: Es ist nicht nur die Suche der Weisen nach dem König, das Kind ist gleichsam nicht nur Ziel ihrer Wanderung. Bach kehrt Subjekt und Objekt gleichsam um: Gott kommt uns in dem Kind entgegen und wir sind die Empfangenden: Es ist sein Segen, „der uns so herrlich erfreut“, wie es in dem großen Eingangschor heißt und später: das tut er, um „des Menschen Wohlfahrt zu erneuen“. Was nehmen wir an in unserem Leben, das uns hoffnungsvoll auf dem Weg in die Zukunft begleiten kann? Wohin öffnen wir uns in einer Welt voller verlockender Angebote?
Genug! Doch, halt, einen Einfall möchte ich zum Schluss noch loswerden. Er betrifft die Frage, was wir Menschen unserer Zeit anstelle von Gold, Weihrauch und Myrrhe heute dem Kind schenken könnten. Was würde ich ihm mitbringen, wäre ich Kaspar oder Melchior oder Balthasar, die nach alter Tradition übrigens die drei damals bekannten Erdteile vertreten – und einer von ihnen soll ein dunkelhäutiger Mensch gewesen sein? Hoffentlich kein Smartphone… Unglaublich schön hat Paul Gerhardt die Frage, was dem Kind zu schenken wäre, in seinem Weihnachtslied „Ich steh an deiner Krippen hier“ ausgedrückt - in der 8. Strophe:
„Nehmt weg das Stroh, nehmt weg das Heu,
ich will mir Blumen holen,
daß meines Heilands Lager sei
auf lieblichen Violen ;
mit Rosen, Nelken, Rosmarin
aus schönen Gärten will ich ihn
von oben her bestreuen.“ (Violen sind Veilchen)

Lasst uns das Jesuskind in Gedanken, Träumen und Taten in Blumen betten – das wäre doch ein guter Vorsatz für das neue Jahr!
Amen

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Predigt am 2. Weihnachtstag 2022 in St. Philippus über Hebräer 1,1-3a
Was ist Wirklichkeit? Was ist um uns herum? Existiert das „Draußen“? Ist doch klar, dass es existiert: Wenn ich gegen eine Glastüre laufe, bekomme ich eine Beule, also muss da doch etwas gewesen sein, mit dem ich kollidiert bin. Auf einem ganz anderen Niveau als bei meinem Glastürenbeispiel setzt sich die Wissenschaft mit dem auseinander, was draußen ist. Im Kleinsten wie der Erforschung der Vorgänge in unserem Körper und Gehirn und im Großen in der Erforschung des Weltalls, seiner Entstehung und seiner kosmischen Abläufe und in allem, was dazwischen liegt. Immer weiter dringt die Wissenschaft in die Bauteile des „Draußen“ ein. Es gibt Menschen, die vertrauen alles der wissenschaftlichen Erforschung an. Seit der Aufklärung im 18. und 19. Jahrhundert ist dieser Prozess in Gange und gipfelt für manche in der Aussage: Je mehr Wissenschaft, desto weniger Religion. Die sei auf dem Rückzug und klammere sich an die letzten Nischen, die noch bleiben, weil sie noch nicht wissenschaftlich erklärt sind.
Mir stellt sich immer wieder die Frage (auch im Gespräch mit befreundeten Menschen), ob ein wissenschaftliches Denken zur Bewältigung unseres Daseins ausreicht. Kann uns beispielsweise abstrakte Mathematik in unseren Lebensfragen brauchbare Antworten geben? Oder brauchen wir andere Welterklärungen? Dabei müssen wir uns darüber im Klaren sein, dass sich der Mensch seine Welt immer wieder gleichsam erschaffen muss. Eine neue Denkrichtung, die „Konstruktivismus“ genannt wird, behauptet, dass alle Aussagen, die wir über die Welt und uns selbst machen können, Konstruktionen sind, weil wir letztlich nicht wirklich wissen können, wie es „draußen“ aussieht. Wir machen uns Bilder von dem, was um uns herum ist. Übrigens ist auch die wissenschaftliche Deutung der Welt unter diesem Vorzeichen eine menschliche Konstruktion.
Nach dieser etwas trockenen Einleitung der Hinweis auf eine uralte Konstruktion, mit der der Mensch sich selbst zu begreifen versucht: Sie besagt, der Mensch bestünde aus Körper, Geist und Seele.
Schauen wir uns diese Konstruktion mit Blick auf Weihnachten ein wenig genauer an. „Weihnachten und Körper“. Dem wäre sich mit viel Humor zu nähern. „Äpfel, Nuss und Mandelkern essen fromme Kinder gern." Nicht nur die frommen Kinder: Weihnachten ist auch ein Fest für die Sinne aller Menschen: Gans, Ente, Pute, Karpfen, vegetarische Köstlichkeiten, Stollen, Gebäck, Kerzenduft, ein guter Wein - abhängig von familiären Bräuchen haben wir uns einiges einverleibt (und nach dem Gottesdienst geht es auch heute wahrscheinlich weiter). Wo es etwas zu feiern gibt, gehören die leiblichen Genüsse dazu.
„Weihnachten und Geist“. Das ist die Kombination, derentwegen ich auf das alte Bild von Körper, Geist und Seele gekommen bin. Also: Kopf, Verstand, Rationalität, Sprache. Zu den Sprachen unserer Zeit gehört die, die der Computer mit sich bringt. Da sagt man schon mal: „Ich kann die Erinnerung an ein bestimmtes Ereignis auf meiner Festplatte nicht finden“. Aus der Computersprache stammt auch der Begriff der „komprimierten Dateien“. Sehr vereinfacht ausgedrückt, wird darunter verstanden, dass eine bestimmte Datenmenge gleichsam zusammengedrückt wird und damit weniger Platz auf der Festplatte einnimmt.
Ich möchte die Worte für den 2. Weihnachtstag aus der eigenartigen Schrift des Neuen Testaments, die Hebräerbrief genannt wird, einen komprimierten Text nennen: Mit wenigen Worten fasst der unbekannte Autor (oder war es eine Autorin?) sein Verständnis von Christus zusammen. Hören wir:

"Vielfach und vielgestaltig hat Gott in der Vergangenheit zu den Vorfahren durch die Propheten gesprochen;
am Ende dieser Tage sprach er zu uns durch einen, der Sohn ist.
Ihn hat er dazu ausersehen, Erbe von allem zu werden,
durch ihn hat er auch die Welt erschaffen.
Er ist Abglanz seiner Herrlichkeit und Abdruck seines Wesens,
gibt dem All durch sein machtvolles Wort Bestand."

In unendlich verdichteter Sprache wird Christi Bedeutung beschrieben. Vielleicht denken wir an das Johannes-Evangelium: „Am Anfang war das Wort. Und das Wort war bei Gott. Und das Wort wurde Fleisch und wohnte unter uns und wir sahen seine Herrlichkeit.“ Auch das ist so eine komprimierte Beschreibung der Bedeutung Christi. Es scheint, als seien die neutestamentlichen Autoren so erfüllt von ihrem Glauben gewesen, dass sie in kühnsten Formulierungen dessen Inhalt zu beschreiben versucht haben. Können wir ihren Worten etwas abgewinnen - oder halten wir sie allenfalls für erhaben klingende Satzkonstruktionen? Kann unsere innere Festplatte, Gehirn genannt, diesen Sätzen folgen, mit ihnen im Nachdenken über das Christus-Ereignis etwas anfangen?
Hätten die Engel auf dem Feld vor Bethlehem die Worte aus dem Hebräerbrief gesprochen, hätten sich die Hirten, diese rauen Gesellen, wahrscheinlich an den Kopf gefasst und gesagt: Das verstehen wir nicht, das ist uns zu hoch! Ich musste mich, liebe Gemeinde, natürlich fragen, wie es mir selbst damit geht. Und da stellte ich bei mir fest, dass die Worte des Hebräerbriefes mich auf einer geistigen, einer denkerischen Ebene sehr ansprechen. Ich sagte mir: Besser als der Hebräerbrief kann man es kaum ausdrücken, wer Christus war. Er ist Abglanz von Gottes Herrlichkeit und Abdruck von Gottes Wesen. Im Kind in der Krippe deutet sich das Große an - aber Gestalt gewinnt es in dem, was uns von dem erwachsenen Jesus in den Evangelien erzählt wird. Und die Niedrigkeit des Stalles von Bethlehem wird noch einmal überboten von der unglaublichen Botschaft, dass am Kreuz Gott selbst stirbt, damit Menschwerdung geschehe. Christus ist Abglanz von Gottes Herrlichkeit und Abdruck von Gottes Wesen. Ein Merksatz für unseren Kopf - vielleicht aber auch mehr. Denkerisch wäre nun noch die geradezu kosmische Theologie der Hebräerbrief-Sätze zu entfalten: Christus war schon bei der Schöpfung beteiligt und in ihm wird das All zusammengehalten. Könnte man sagen, dass das kosmische Weltprinzip, wenn wir denn mit Gott rechnen, das der Liebe ist, deren Abbild wir in Christus finden? Wenn wir das sagen und denken könnten, würde es unseren Blick auf die Welt verändern.
„Weihnachten und Seele“. Wie viel plastischer als im Hebräerbrief oder im Johannesevangelium, wie viel einfacher geht es da in der Weihnachtsgeschichte des Matthäus-Evangeliums zu, die wir vorhin gehört haben. Im Gegensatz zur Weihnachtsgeschichte des Lukas steht hier Josef im Mittelpunkt. Er muss erleben, dass seine Verlobte Maria schwanger ist, aber doch nicht von ihm. Er überlegt die Lösung, Maria aus dem Verlöbnis zu entlassen. Aber dann kommt ein Engel ins Spiel, der Josef erklärt, wie das werdende Kind im Mutterleib entstanden ist und, nämlich durch den Heiligen Geist, und was aus diesem Kind einmal werden soll. Er werde sein Volk von den Sünden befreien und soll Jesus heißen. Und Josef bleibt daraufhin bei Maria.
Auch diese wunderbaren Vorgänge, liebe Gemeinde, sind - philosophisch gesprochen - Konstruktionen, eben des Matthäus-Evangelisten, es sind keine Wiedergaben von Ereignissen, die mit der Kamera aufzuzeichnen gewesen wären. Matthäus wie auch ganz anders Lukas in der Weihnachtsgeschichte aus Bethlehem geht es um die Bedeutung des Geschehens, und darum benutzen beide eine Sprache voller wunderbarer Bilder, die uns immer wieder ansprechen. Denn von einem Kind lassen wir uns in unserer Seele berühren und die Botschaft des Engels, in Christus sei „Gott mit uns“, die trifft uns immer noch tief. Wo so etwas Großes geschieht wie die Geburt des Retters, kann es nicht wie auf dem natürlichen Weg zugegangen sein, dem wir alle unsere Existenz verdanken.
Also: Angesichts der Geburt des Christuskindes wollen wir essen und trinken, feiern, fröhlich sein - und sicher nicht gleich das Ende am Kreuz mit bedenken. Einverstanden, möchte ich antworten, lasst uns das tun - jetzt ist ja Weihnachten. Aber dann gibt es doch auch wieder diese anderen Momente, wo Menschsein noch mehr ist, wo Menschsein bedroht ist wie in den Krisen unserer Zeit. Und wo wir Ausschau halten nach dem, was eine Kraft enthält, die uns das Dasein gestalten lässt. Und da taucht der ganze Christus auf, in dem sich Gott abgebildet und geformt hat - uns zum Wohle.
Nach den Feiertagen werden die Weihnachtsbilder gleichsam eingepackt wie die Krippenfiguren. Wenn wir sie aus der Bibel und aus der Poesie der Weihnachtslieder aufgenommen haben, bleiben sie, auch wenn ihre Dateien weit in den Hintergrund geschoben werden. Wir werden uns wieder anderen Dingen zuwenden, anderen Programmen und anderen Aufgaben. Aber vielleicht können wir uns ihrer ab und zu erinnern, die Hände falten und mit Geist und Herz beten: Ehre sei Gott in der Höhe und Friede auf Erden - und: Bitte, Gott, lass mich erkennen, dass sich in Christus deine Herrlichkeit gezeigt hat und dein Wesen offenbar geworden ist, das Liebe ist. Amen

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