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Jörg Scholz

Predigt am am Sonntag Trinitatis  (gehalten am 30. Mai 2010 in St. Philippus über Römer 11,32-36)

 

Liebe Gemeinde!

 

Wenn wir als Christen Kinder taufen, ist das auch Ausdruck unserer Dankbarkeit Gott gegenüber, dass den Eltern ein neues Leben geschenkt wurde. Begonnen hat dieses neue Leben aus einer Bewegung der Liebe heraus – wie auch immer die konkreten Umstände der Zeugung gewesen sein mögen. Aus Vater und Mutter, zwei Individuen, wurde ein Drittes. Und dann wird das Neugeborene eines Tages getauft: mit dreimaligem Begießen des Köpfchens mit Wasser und den Worten: „im Namen des Vaters, des Sohnes und des Heiligen Geistes“.

 

Der heutige Sonntag ist der Sonntag der Dreieinigkeit oder Dreifaltigkeit, der Trinitatissonntag. Eine Woche nach Pfingsten feiern wir, dass Gott nicht nur der Vater ist, der Schöpfer, dass er uns nicht nur im Sohn erschienen ist, dem Christus, sondern dass Gott auch in seinem Geist unter uns und in uns ist.

 

Das ist eine so komplizierte Angelegenheit, dass wir vielleicht gar nicht so recht wissen, was es da überhaupt zu feiern gibt. Man hat gesagt: Trinitatis ist ein Ideenfest, ein gedankliches Fest – keines, das auf einem Ereignis oder einem Anlass beruht. Weihnachten - da geht es um die Geburt des Kindes, da geht es, gerade im deutschen Weihnachten, um viel Gefühl. Ostern - da ist durch die Auferstehung Christi von den Toten viel Freude drin, wenn es auch schon ein bisschen komplizierter wird. Pfingsten - das mit dem Heiligen Geist, na ja, da wurde ja schon anlässlich des Ereignisses selbst in Jerusalem behauptet, die Jüngerinnen und Jünger seien vielleicht betrunken gewesen. Aber nun das alles auch noch auf einmal:

 

Fest der Dreieinigkeit ... Auf Synoden der Alten Kirche ist über dieses Thema nicht nur mit Worten gestritten worden, sondern mit Knüppeln. Zwischen der Westkirche, das heißt der römisch-katholischen und der evangelischen auf der einen, und der Ostkirche, der orthodoxen auf der anderen Seite ist bis heute umstritten, ob der Heilige Geist nur vom Vater (wie die Orthodoxen sagen) oder vom Vater und vom Sohn ausgeht, wie die Westkirchen sagen.

 

Ich befürchte, wir werden hier in diesem Gottesdienst mit dieser Predigt die anstehenden theologischen Probleme nicht lösen können. Und doch möchte ich für einen Augenblick einmal, dass wir versuchen, einen Gedanken nachzuvollziehen und nachher für einen Moment noch einen anderen. Einen Gedanken nachvollziehen soll heißen; für einen Moment zu denken. Aber bitte nicht erschrecken. Der Glaube hat auch, wenn er formuliert werden will, etwas mit dem Denken zu tun.

 

Islam und Judentum lehnen den Gedanken, dass Gott nicht einer ist, sondern in Gestalt des Vaters, des Sohnes und des Geistes zu begreifen ist, strikt ab. Beim Islam hat das zu der Feststellung geführt, dass mit Mohammed und dem Koran ein für allemal alles gesagt worden ist, was von Gott her an die Menschheit zu sagen ist. Der Koran ist vollkommen, heißt es in der zweiten Sure. Gottes Offenbarung an die Menschheit ist ein für allemal geschehen. Im Judentum liegen die Dinge komplizierter - das behandeln wir sozusagen ein anderes Mal... Aber im Christentum kommt etwas ganz Entscheidendes hinzu: Gott bleibt nicht bei sich selbst: er gerät gleichsam in Bewegung: er geht in einen Menschen ein, Jesus Christus, und er verheißt uns seinen Geist, den Tröster. Er verheißt ihn uns - den Menschen. In einem Text der orthodoxen Kirche heißt es:

 

Im Bewusstsein der Unangemessenheit solcher Aussagen könnte man sagen: Der Geist sei Gott in uns, der Sohn sei Gott für uns und der Vater Gott über uns oder außer uns.

 

Gott bleibt nicht statisch bei sich selbst - er ist in eine Dynamik eine Bewegung hineingegangen, die über Jesus Christus zu uns führt. Die Liebe, sagten wir anfangs, lässt aus zwei Menschen einen dritten entstehen: die Bewegung des Vaters über den Sohn zum Geist (der übrigens oft weiblich gedacht wird) ist eine Bewegung der Liebe. Wenn wir aber von Gott reden, dann können wir nur symbolisch reden und wollen doch das Eine festhalten: dass die Bewegung der Liebe bei Gott (ganz im Gegensatz zu der Bewegung der Liebe bei uns Menschen) nicht aufhört, eine beständige ist. Glauben heißt, der Bewegung dieser göttlichen Liebe immer wieder nachzuspüren, sich trotz aller Brüche, aller menschlichen Abirrungen auf sie einzulassen. „Gott ist die Liebe, und wer in der Liebe bleibt, der bleibt in Gott und Gott in ihm“, sagt der 1. Johannes-Brief (1.Joh 4,16).

 

Die Gefahr, dass Gott in die Bewegung der Liebe hinein gegangen ist, ist die, dass wir Menschen ihr nicht zu folgen vermögen, weil Gott uns von Anfang an frei wollte. Die Gefahr schließt ein, was die Geschichte des Christentums zeigt: dass Gott gleichsam zerfließt und deswegen unzählige Spaltungen geschehen sind - und wir manchmal eine Sehnsucht nach Klarheit haben. Diese Klarheit wollen die Fundamentalisten aller Religionen - aber sie vermag auch zur Unfreiheit zu führen. Die Bewegung der Liebe wird dann kaputtgemacht.

 

Ich sagte schon, dass ich Sie bitten möchte, zwei Gedanken zu denken. Den einen haben wir - gottlob - zumindest angedacht:

dass der Glaube an Gott den Vater, den Sohn und den Geist eine Bewegung der Liebe ausdrücken möchte, darauf taufen wir Kinder.

 

Ich wage noch einen zweiten Gedanken anzudenken, der etwas mit unserem Predigttext aus dem Römerbrief zu tun hat. Paulus schlägt sich mit dem Gedanken herum, warum die Juden, die es doch eigentlich wissen müssten, Christus nicht als den anerkennen, der er war: der Sohn des Vaters, in dem der Vater für uns Menschen da ist. Und Paulus findet immer wieder harte Worte, mit der er die Halsstarrigkeit seiner Glaubensbrüder und -schwestern geißelt, manchmal Worte, die Antisemiten in ihrer Argumentation halfen. Aber im Römerbrief findet Paulus eine Lösung: Gott hat alle ins Gefängnis des Ungehorsams eingeschlossen, um sich aller zu erbarmen! Sind eines Tages alle Heiden, alle anderen Völker, erst einmal Christen, so meint Paulus, werden es auch noch die Juden sein: sie sind nicht auf ewig vom Heil ausgeschlossen. Und Paulus freut sich so darüber, dass er gleichsam eine Lösung gefunden hat, dass er nun in einem dreigliedrigen Hymnus darüber jubeln kann. Und deswegen wird dieser Text am Sonntag Dreieinigkeit gelesen:

 

Denn Gott hat alle im Ungehorsam eingeschlossen, um sich über alle zu erbarmen. Welche Tiefe des göttlichen Reichtums, seiner Weisheit und seines Allwissens! Wie unerforschlich sind seine Urteile und unergründlich seine Wege! Denn »wer hat die Gedanken des Herrn erkannt, wer ist sein Ratgeber gewesen?« »Oder wer hat Gott vorher etwas gegeben und es müsste ihm wiedergegeben werden?« Denn aus ihm und durch ihn und zu ihm hin ist alles. Ihm gebührt die Ehre in Ewigkeit! Amen. (eigene Übersetzung)

 

Im Klartext heißt dieses: Gottes Bewegung der Liebe geht auch über die hinaus, die jetzt und heute zu allen Zeiten Christen sind. Wenn Gott wirklich Gott ist und in der Bewegung der Liebe, dann ist letztlich kein Mensch, kein Lebewesen - wo auch immer - ausgeschlossen.

 

Das ist ein Gedanke, der von ungeheurer theologischer Tragweite ist. Wir können nicht denken, die Nichtchristen seien von Gottes Liebe ausgeschlossen. Wir können nicht zu ihnen sagen: Ihr gehört ins Gericht für alle Zeiten ... Gottes Liebe geht viel weiter. Dieser Gedanke wurde in der Kirchengeschichte von allen großen Kirchen als ketzerisch abgelehnt, weil man meinte, die Angst vor dem jüngsten Gericht gehe damit verloren, wenn doch alle gerettet werden. Aber es ist ein Gedanke, der Gott die Ehre gibt: er ist der Souverän. Es ist an jedem denkenden und fühlenden Menschen selbst, sich jetzt in die Bewegung der Liebe Gottes zu begeben - oder ihr nicht entsprechen zu können. Aber was der liebende Gott letztlich mit allem, was existiert, tut, ist seine Sache. Wir sollten daran denken, wenn wir Nicht-Christen begegnen. Gott lässt seine Sonne scheinen über allen - wir haben kein Recht, den anderen seines Glaubens wegen zu verdammen, solange er nicht Leben vernichtet. Wir Christen mögen das Salz der Erde sein, wenn wir uns in der Bewegung der Liebe wissen, aber wir dürfen nicht zerstörende Salzsäure sein an unseren Mitgeschöpfen. Ich möchte schließen mit einem Hymnus aus der Ostkirche:

„Gegrüßt seist du, Vater, Ursprung des Sohnes, du, Sohn, Bild des Vaters;

Vater - der Grund, auf dem der Sohn steht,

Sohn - das Siegel des Vaters;

Vater – die Kraft des Sohnes,

Sohn - die Schönheit des Vaters;

Allreiner Geist - Band zwischen Vater und Sohn.

Send, Christe, den Geist,

send meiner Seele den Vater;

tauche mein dürres Herz in diesen Tau, die beste aller Gaben.“

Amen