Homepage

Jörg Scholz

Predigt am 4. Februar 2024 in der Versöhnungskirche über Lukas 8, 4-8

"Als sich aber eine große Menschenmenge versammelte und sie aus jeder Stadt zu ihm hinkamen, gebrauchte Jesus ein Gleichnis:
Der Sämann ging hinaus, um seinen Samen zu säen; und beim Säen fiel einiges daneben auf den Weg und wurde zertreten und die Vögel des Himmels pickten es auf.
Anderes fiel auf Felsboden und kaum war es aufgegangen, vertrocknete es, weil ihm Feuchtigkeit fehlte.
Anderes fiel mitten unter die Disteln, und als die Disteln mit ihm heranwuchsen, erstickten sie es.
Und anderes fiel auf guten Boden und ging auf und brachte hundertfache Frucht. Bei diesen Worten rief Jesus: Wer Ohren zum Hören hat, der höre!"

„Wer Ohren zum Hören hat, der höre“ - dieses merkwürdige Wort Jesu taucht in den Evangelien des Öfteren auf. Ja, was soll wir denn sonst machen mit unseren Ohren? Doch vielleicht ist es manchmal notwendig, daran zu erinnern, die uns Menschen geschenkten Sinne auch wirklich zu öffnen. Kennen wir nicht alle die Formulierung „die Ohren auf Durchzug stellen“, hatte ich nicht früher manchmal im Unterricht den Eindruck, dass das so gut Gemeinte zum einen Ohr eines Schülers oder einer Schülerin rein geht - und beim anderen Ohr geradezu spürbar gleich wieder herauskommt? Vielleicht finden wir jetzt die Aufforderung: „Wer Ohren zum Hören hat, der höre“ schon gar nicht mehr so merkwürdig oder gar albern. Man hat sie auch als „Weckformel“ bezeichnet, und in der Tat meint sie wohl einen Appell, die Ohren wirklich zu öffnen, wirklich hin zu hören. Was sollen wir hören?
Nun, auch das ist gesagt: Wieder einmal ein Gleichnis Jesu, eine Bildgeschichte. 39 Gleichnisse sind von Jesus in den Evangelien einschließlich des nicht in unsere Bibeln aufgenommenen Thomas-Evangeliums überliefert worden. Es ist schwer zu entscheiden, wie weit sie tatsächlich alle auf den historischen Jesus zurückgehen - aber das ändert nichts an der Feststellung, dass er ein wunderbarer Geschichten-Erzähler gewesen sein muss, schöne Geschichten, poetische Geschichten, aber manchmal auch geradezu provozierende oder erschreckende Geschichten. Ja, man kann geradezu sagen, dass das Erzählen von Geschichten eine der markanten Formen gewesen ist, mit denen Jesus sich sprachlich an seine Zeitgenossen wandte. Die anderen sind seine markanten Sprüche.
Dass er so viele Geschichten erzählt hat, hat sicher einmal seinen Grund darin, dass diese Form der Rede so gut in den Vorderen Orient passt. In den ländlichen Landschaften gab es keine großen Bibliotheken wie in Griechenland oder Ägypten. Man erzählte sich Geschichten, man trug in Form von Geschichten das zusammen, was man von der Vergangenheit wusste. Zwar gab es in Jerusalem um den Tempel herum Gelehrte, die vieles aus der jüdischen Geschichte aufgeschrieben haben. So hatte man die Tora, das Gesetz Israels, und die Propheten, in den Gebetshäusern auf Schriftrollen - aber das Neue wurde in den Dörfern eben in Geschichten erzählt. Und es scheint sich herumgesprochen zu haben, dass Jesus ein besonders begabter Geschichtenerzähler sein muss - denn die Leute aus den Städten kamen zu ihm aufs galiläische Land, wie Lukas es so schön schildert. Da gab es etwas zu hören, wenn die Ohren nur richtig geöffnet wurden!
Neben diesen ländlichen Gewohnheiten, die Jesus teilte, gab es mit Sicherheit noch einen anderen Grund für ihn, Geschichten zu erzählen. Er war ja Jude und er wollte etwas von Gott und seinem kommenden Reich sagen. Und er achtete das erste Gebot: „Du sollst dir von Gott kein Bildnis machen“, also musste er auch deswegen auf Geschichten zurückgreifen, die den Menschen Gott nahebringen sollten. Weg von der Versuchung, sich ein Bildnis des nicht abbildbaren Gottes zu machen!
Jesu heutige Geschichte ist eine ganz einfache, eine richtig ländliche Geschichte - und sie passt so gut in karges Land. Sie erzählt von der Aussaat eines Sämanns, der damit rechnen muss, dass nur ein Teil des kostbaren Samens zwischen all den Steinen und Dornen und angesichts der Trockenheit und der gefräßigen Vögel Frucht bringen wird. Ja, so war es damals - und so ist es in vielen Ländern der Erde auch noch heute: keine künstliche Bewässerung, keine Dünger, keine Saatmaschinen Wo es keine Monster-Traktoren gibt, wie sie heutige Landwirte haben und es die Bauerndemonstrationen der letzten Wochen eindrücklich zeigten. Nein: Ein Mensch geht über karges Land und wirft den Samen aus in der Hoffnung, dass er irgendwann Ertrag bringt. Er kann sein Werfen nicht so lenken, dass die säende Bewegung nur auf die Fleckchen Erde zielt, die fruchtbar zu sein scheinen, und gegen das Wetter und die Vögel ist er ohnehin machtlos. Ist es Gott, der sät, ist es Jesus selbst - wir wissen es nicht oder können es nur annehmen.
Bibelkundige unter uns wissen sicher, dass es eine Fortsetzung dieses Gleichnisses gibt, das in mehreren Evangelien erzählt wird: Jesus legt das Gleichnis seinen Jüngern selbst aus, und da sagt er: „Der Same ist das Wort Gottes - das aber auf dem guten Land, das sind die, die das Wort hören und in einem guten und reinen Herzen bewahren“. Aber ich bin mir gar nicht so sicher, ob er das wirklich getan hat, das Gleichnis gleich auszulegen. Denn seine Gleichnisse lebten und leben davon, dass der Hörer selbst darauf achten, die Ohren spitzen und die Herzen öffnen sollen, was die Geschichte in ihnen auslöst. Gleichsam einen Aha-Effekt erzeugen!
Nun gut: Wir kommen als Christinnen und Christen, die das Gleichnis seit vielen Jahren sicher kennen, nicht davon los, dass der Same Gottes Wort ist. Und als evangelische Kirche sind wir im Blick auf Luther es ja auch sozusagen von Muttermilch an gewohnt, dass „das Wort“, eben das Wort der Schrift, eine Bedeutung hat, die es etwa in der katholischen oder orthodoxen Kirche so nicht hat. Lassen wir also andere mögliche Überlegungen, was da eigentlich mit der Aussaat gemeint sein könnte, beiseite, und bleiben wir dabei, dass es um das Wort Gottes gehen könnte.
Fragen zum Nachdenken: Seit wann gibt es das Wort Gottes? Hat das Johannes-Evangelium recht, wenn es sagt: „Am Anfang war das Wort. Und das Wort war bei Gott und das Wort war Gott“? Dann könnte man sagen, dass es Gottes Wort seit Beginn der Schöpfung gibt. Wir mögen an den 1. Schöpfungsbericht denken, wo Gottes Schaffen durch Sprache geschieht. Und gleich stellt sich die nächste Frage: Geschieht der Sprachakt Gottes unabhängig vom Menschen oder wird Gottes Wort-Schaffen durch Menschen vermittelt? Die Propheten des Alten Testaments als herausragende Beispiele haben im Namen Gottes gesprochen, und wir Christen glauben, dass Gott in Jesus Christus noch einmal neu umfassend gesprochen hat.
Und gleich noch eine Frage: Woher wissen wir, dass Gott spricht, und dass es sich nicht um andere Sprachen handelt, die beanspruchen, im Namen Gottes wirkmächtig zu sein?
Überlegungen, die es verdient hätten, im Gespräch miteinander behandelt zu werden! Die vermeintliche Sicherheit, mit der etwa Fundamentalisten die Bibel wörtlich zu nehmen versuchen, ist eher ein Irrweg. Was aber dann? Wo betrifft uns das Wort Gottes? Ich möchte einen anderen Weg zur Beantwortung der gestellten Fragen gehen, indem ich von unserer Gegenwart ausgehe.
Jede und jeder unter uns müsste sich im Stillen einmal fragen, welche Worte in der vergangenen Woche auf geöffnete Ohren getroffen sind. Schnell würde uns klar werden, dass der Schwall der Worte, der pausenlos auf uns eindringt, unmöglich auf nur geöffnete Ohren hoffen kann. Nein, wir müssen geradezu manchmal auch die Ohren auf Durchzug stellen, wir müssen sie manchmal zumindest unsichtbar zuhalten, der Stimmen und Geräusche sind zu viele - wir können sie gar nicht bewusst verarbeiten, dann würden wir ja verrückt werden. Da würden nicht nur unsere Ohren streiken, da würde es erst recht unsere Seele tun, die das alles gar nicht aushalten kann und gottseidank auch nicht aushalten muss.
Für alle seine Sinne hat der Mensch sozusagen Filter eingebaut, weil er sonst der unzähligen Informationen, die auf ihn eindringen, nicht Herr werden könnte. Und wir leben nun mal in einer Zeit, wo durch die modernen Medien die Flut der Stimmen und Geräusche noch einmal unendlich zugenommen hat.
Aber was haben wir in den vergangenen Tagen mit offenen Ohren gehört? War es ein liebevolles Wort, das ein anderer Mensch gesagt hat, war es vielleicht eine Kränkung? War es etwas Neues, Aufregendes oder Bedrohliches? Gab es Situationen, wo wir geradezu begierig hingehört haben - oder auch Situationen, wo wir es ganz bewusst nicht mehr hören wollten? Die möglichen Antworten mag sich jeder selbst geben - aber wir alle würden vielleicht doch merken, dass da, wo wir zugehört haben (oder das Zuhören nicht mehr aushalten konnten), unser eigenes Leben mit im Spiel war - unser eigenes Leben und unsere eigene Persönlichkeit, die wir nun einmal geworden sind. Junge Menschen mögen die Ohren für andere Botschaften öffnen als wir Älteren - aber auch sie hören dann hin, wenn sie in ihrer Lebensphase zutreffen. Und der Mensch ist nun einmal das Wesen der Sprache - und er ist unendlich auf sie angewiesen, auch wenn sie ihm manchmal zu viel wird.
Und nun könnte ich ganz evangelisch-lutherisch auch fragen: War unter den Wörtern, die in uns drangen, auch Gottes Wort dabei? Das in der Bibel geschriebene Wort Gottes? Wie war das denn bei Ihnen in der vergangenen Woche, Herr Pastor? In der Bibel gelesen? Ja, jeden Morgen den Tag zusammen mit meiner Frau mit einem Losungswort und einem Gesangbuchvers begonnen. Ja, im Chor mit Chorälen, die auf biblischen Texten beruhen.
Das ist nicht wenig, aber es ist auch kein Anlass zum Sich-Brüsten. Und die Frage, ob die gehörten und gesungenen Worte der Bibel irgendwo und irgendwie auf fruchtbares Land gefallen sind, ist damit noch gar nicht beantwortet. Was Spuren in mir hinterlassen hat, das ist noch einmal eine ganz andere Frage. Und noch viel schwieriger ist die zu beantworten, ob es denn als Gottes Wort in mich gedrungen ist.
Ich beginne plötzlich, das so einfache und doch wunderbare Gleichnis Jesu als eine Beispielgeschichte dafür zu verstehen, dass äußerliche Handlungen - und das Säen ist ja eine äußerliche Handlung - noch gar nichts darüber aussagen, was denn daraus geschieht. Wir hätten alles so gern eindeutig klar. Wir setzten voraus, dass die Aussaat im Frühjahr unter unseren heutigen Bedingungen gute Ernte bringen wird - aber achten Sie mal darauf, wie häufig die Zeitungen die Bedenken der Bauern wegen des Wetters bringen! Und Jesus erzählt uns eine Geschichte von der Vieldeutigkeit des Lebens, wo alles auf dem Spiel steht und noch gar nichts entschieden ist. Die wirklich wichtigen Dinge sind offen in ihren Möglichkeiten und das können gute sein wie schlechte; und in dem Moment, wo sie geschehen, wissen wir es noch gar nicht.
Gehen Sie, liebe Gemeinde, doch einmal die vergangene Woche durch und klopfen sie diese daraufhin ab, welche Worte, die sie durch die Ohren gehört oder auch durch die Augen gesehen haben, Sie innerlich berührten! Wobei diese Berührungen zweierlei bewirkt haben können: Sie haben erfreut und innerlich bereichert – und sie haben enttäuscht und verletzt.
Und wenn dann an irgendeiner Stelle eine Antwort dergestalt geschehen ist, die Sie und mich hat sagen lassen, Gott, ich danke dir dafür - dann ist in diesem komplizierten und überhaupt nicht eindeutigen Leben, da bin ich mir sicher, etwas auf fruchtbaren Boden gefallen. Gottes Same kann durch viele Medien auch auf mich fallen, aber ich werde das Gefühl nicht los, dass er es - zumindest bei mir - am liebsten durch Menschen tut. Und mir wäre warm ums Herz, wenn ich manchmal auch ein solcher Mensch für andere sein könnte.
Heißt das, möchte ich abschließend fragen, dass wir nicht in der Bibel lesen sollen, nicht im Gottesdienst Gottes vor Zeiten ergangenes Wort hören und unsere Ohren und Sinnen darauf richten sollen? Nein, die Bibel ist mir da schon sehr wichtig. Aber wir sollten uns hüten, die Bibel so zu verstehen, als wäre sie selbst immer eindeutig. Auch sie ist geprägt von der Vieldeutigkeit des Lebens - wie es unser heutiges Gleichnis so sinnfällig ausdrückt.
Und so möchte ich sagen: wir haben in der Bibel als Wort Gottes eine unerschöpfliche Begleiterin, die uns helfen will, in dem so häufig zweideutigen Leben zurecht zu kommen, ohne dass wir schon immer vorher eine Antwort wissen. Es ist sozusagen ein Dreieck, in dem wir uns als Christinnen und Christen bewegen: Wir selbst - das Leben - und die Bibel. Wobei ich mit „Bibel“ mehr meine als nur das Buch. Vor einer Woche war ich in einem Gottesdienst in einer Gemeinde außerhalb Lübecks, und die Teilnahme am Abendmahl mit fremden Menschen war für mich der bewegendste und mich am meisten bereichernde Augenblick.
Noch eine Bemerkung zu den vielen Demonstrationen derzeit in Deutschland. Mich berührt, wie plötzlich Bewegung in die Menschen gekommen ist. Letzten Samstag waren meine Frau und ich in Lübeck auch dabei. Ist das Ziel der Massen, sich gegen den Rechtsruck und Ausländerfeindlichkeit zu wehren und für eine offene, bunte, tolerante Gesellschaft einzutreten, mit dem Wort Gottes vereinbar? Nehme ich nur die jesuanische Bergpredigt, wo den Friedensstiftern zugesagt wird, sie seien Gottes Kinder, dann möchte ich die Frage bejahen. Wenn allerdings in mitgeführten Plakaten zum Hass aufgefordert wird, ist das für mich durch Gottes Wort nicht gedeckt.
Lasst uns das, was uns an Gutem und manchmal auch weniger Gutem widerfährt, aufmerksam hören und verarbeiten und Phantasie und Tatkraft für Lösungen finden. Eine immer neu zu beschreibende Aufgabe. Über ihr mag dann aber die Hoffnung stehen, dass so Gutes daraus entsteht wie aus der Aussaat des Sämanns. Auch in der gegenwärtigen Situation unserer Gesellschaft und dem Zustand der Welt.

__________________________________________________________

Predigt am 2. Weihnachtstag 2023 in St. Philippus
Ein Familienfest, wie wir es heute kennen, wurde Weihnachten, das Fest der geweihten Nacht, erst im 19. Jahrhundert. Vorher wurde die Geburt Christi nur in den Kirchen und öffentlich gefeiert. Aber was war das wohl für eine Familie, in der Jesus geboren wurde? Nüchtern-historisch lässt sich sagen: Alle Anzeichen deuten darauf hin, dass Jesus in Nazareth in Galiläa im Norden Palästinas geboren wurde – und zwar ein paar Jahre vor unserer Zeitrechnung. Seine Mutter hieß Maria und sein Vater hieß Joseph und war Zimmermann. Ganz unbefangen berichtet das Markus-Evangelium, dass Jesus vier Brüder gehabt hat – und teilt sogar ihre Namen mit: Jakobus, Joses, Judas und Simon. Von Jakobus wissen wir, dass er eine der führenden Persönlichkeiten in der Urgemeinde in Jerusalem geworden ist und dass Paulus ihn, den „Herrenbruder“, selbst kennengelernt hat.

Aber auch von Schwestern Jesu wird berichtet. Eine Genderbeauftragte gab es damals noch nicht. Es müssen also mindestens zwei gewesen sein. Späte Texte nennen als deren Namen Lysia und Lydia.

Stellen wir also fest: Eine normale galiläisch-jüdische Großfamilie könnte es gewesen sein, aus der Jesus stammt. Aber erzählen uns die Evangelien des Matthäus und des Lukas – übrigens in verschiedener Form – nicht etwas ganz anderes von der Herkunft Jesu? War seine Geburt nicht eine ganz besondere? Haben wir vorhin nicht die wunderbaren Sätze des alten Glaubensbekenntnisses gesprochen: „Gottes eingeborener Sohn ist vom Himmel gekommen, hat Fleisch angenommen durch den Heiligen Geist von der Jungfrau Maria“?

Wir müssen zwischen der nackten Wirklichkeit und der Frage, was diese Wirklichkeit bedeuten oder worauf sie verweisen könnte, unterscheiden. Die Fakten mögen ja interessant sein. Aber schon die Autoren des Neuen Testaments haben sich gefragt, was sich hinter den Daten verbergen könnte. Und da glaubten sie: Dieser Jesus aus Nazareth war zwar auch ein Mensch wie du und ich, doch er war gleichzeitig auch mehr als das, was Menschen wie du und ich normalerweise erreichen können. Er war so nahe bei Gott, dass gesagt werden konnte, er sei dessen Sohn gewesen. Und um dieses Besondere auszudrücken, war die Poesie, war die Dichtung, war auch der Mythos die angemessene Sprachform. Die Weihnachtsgeschichte des Lukas ist herrlicher Ausdruck davon: die Geburt in Armut im Stall von Bethlehem, die Hirten auf dem Feld, die unglaubliche Engelsbotschaft vom Frieden auf Erden. Matthäus schreibt es anders, da tauchen die Magier aus dem Morgenland auf, von denen wir überzeugt sind, dass es drei waren, obwohl die Zahl gar nicht in der Bibel steht. Aber es waren eben drei Geschenke, die sie mitbrachten: Weihrauch, Gold und Myrrhe – also werden es wohl drei gewesen sein.

Über die Weihnachtsgeschichten des Lukas und des Matthäus hinaus ist das ganze Neue Testament ein Dokument des Versuchs, die Bedeutung des Jesus Christus zu beschreiben. Wir haben vorhin die gewichtigen Worte aus dem Anfang des Hebräerbriefes gehört: „Christus ist Abglanz von Gottes Herrlichkeit und Abdruck seines Wesens, gibt dem All durch sein machtvolles Wort Bestand.“ Und es blieb nicht beim Neuen Testament: Immer weitere Texte entstanden, die Glaubensbekenntnisse – und durch die ganze Kirchengeschichte zieht sich wie ein roter Faden das theologische Nachdenken über die Frage: Wer war und ist dieser Jesus für uns?

Genauso verhält es sich mit den geheimnisvollen Texten der „Offenbarung des Johannes“, dem letzten Buch der Bibel: Sie wollen in einer schweren Zeit der Glaubensanfechtung ein Trostbuch für die jungen Christinnen und Christen sein – und beschreiben deshalb die Bedeutung Jesu Christi, wenn auch in einer ganz anderen Weise als andere Texte des Neuen Testaments. Hier wird Jesus „Lamm“ genannt, und in einer himmlischen Vision heißt es: „Der Sieg gehört unserem Gott, der auf dem Thron sitzt, und dem Lamm.“ Kein vernünftiger Mensch würde auf die Idee kommen, dass Jesus ein kleines Schaf gewesen ist – nein, das ist wiederum poetische Sprache, die an Bilder des Alten Testaments anknüpft. Einen weiteren Text aus der Johannesoffenbarung werden wir gleich noch hören.
Jede christliche Predigt kreist eigentlich um den Versuch, die Bedeutung Jesu für die zu beschreiben, die sich in seiner Nachfolge wissen.

Szenenwechsel mit einer Jugenderinnerung. Einige Kilometer westlich der Stadt in Nordhessen, in der ich aufgewachsen bin, verlief damals die wichtige Nord-Süd-Eisenbahnstrecke. Sie führte entlang der innerdeutschen Grenze und wurde später durch Neubaustrecken heruntergestuft. Ich bin oft dort gewesen und habe den großen Zügen mit großen Namen hinterhergeguckt: „Italia-Express“, „Helvetia-Express“, „Alpen-Express“. Und habe davon geträumt, eines Tages in einem dieser Züge zu sitzen und meine Heimat aus dem Zug heraus anzuschauen. Wunderschön beschreibt diese Sehnsucht der Philosoph Ernst Bloch in seinem gewaltigen Werk „Das Prinzip Hoffnung“: „Als Zeichen kann schon die Ferne genügen, die der abendliche Schnellzug in die kleinsten Städte bringt.“ Ein Junge träumt in eine noch ferne Zukunft von der großen weiten Welt – so war das damals mit mir.

Später ist der Traum vom Mitfahren in einem dieser Züge wahrgeworden. Aber mir geht es jetzt um die träumende Vorwegnahme der Zukunft. Um noch einmal auf Jesus zurückzukommen: Wir wissen so gut wie nichts von seiner Kindheit und Jugend. Erst mit seinem öffentlichen Auftreten im Alter von etwa 30 Jahren gewinnt sein Leben Konturen und nach drei der vier Evangelien steht dabei eine Botschaft im Vordergrund: Die vom kommenden Reich Gottes. Dieses Reich, das in Ansätzen schon da ist, wird die Herrschaft der Römer und die damit verbundene Unterdrückung der Menschen ablösen. Viele der Gleichnisse Jesu malen diese neue Welt aus. Das war der große Traum des Jesus von Nazareth, sein Bild einer friedlichen Zukunft, in der Recht und Gerechtigkeit herrschen.

Es fällt auf, dass die Reich-Gottes-Botschaft Jesu in den Schriften des Neuen Testaments, etwa bei Paulus, nur am Rand erwähnt wird. Doch ein Text aus der „Offenbarung des Johannes“ könnte auf sie anspielen. Der Seher, der Träumende der Offenbarung, hat diese Vision: „Ich sah eine große Menschenmenge, die niemand zählen konnte, aus allen Nationen, Stämmen, Völkern und Sprachen. Sie standen in weißen Gewändern vor dem Thron und vor dem Lamm und hielten Palmenzweige in ihren Händen.“ Was für ein Bild einer geeinten Menschheit! Natürlich ist es christlich gefasst – und muss Menschen anderen Glaubens nicht aufgezwungen werden. Aber es ist eine Vision von einer Menschheit, die sich mit Palmenzweigen in den Händen im Frieden zusammenfindet. Ein großer, vielleicht der größte Traum einer guten Zukunft, den wir uns in unserer unsicheren und leidgeprüften Gegenwart sicher gerne zu eigen machen würden!

Und da werden wir sofort sagen: Schön wäre es – und all die berechtigten Einwände durch den Blick auf die tatsächliche Lage der Erde stellen sich sofort ein. Was für ein trauriges Weihnachtsfest erlebt das Städtchen Bethlehem im Westjordanland in diesem Jahr! Im Blick auf die Gegenwart der Erde könnte man eher verzweifeln, als Hoffnungsbilder zu entwickeln.

Doch dann dachte ich für mich persönlich in einer Art Jahresrückblick daran, wie vielen Menschen aus anderen Nationen und Sprachen ich begegnet bin! Vom syrischen Busfahrer, den ich im Sprachcafé kennengelernt hatte und der mich beim Einsteigen mit Namen grüßte, bis hin zu Treffen mit Menschen aus Afghanistan, Syrien und Eritrea. Diese und andere Begegnungen haben mich bereichert. Hoffentlich geht es vielen von Ihnen ähnlich. Und wir alle registrieren, dass vieles im Alltag unseres Lebens gar nicht mehr funktionieren würde ohne die zu uns Gekommenen. Wenn man so will: Eine geeinte Menschheit im Kleinen!

Und so können wir sagen: Der große Traum, die große Utopie, wäre der einer einigen Menschheit, die tatkräftig gemeinsam an der Lösung der vielen Probleme arbeitet. Aber schon in unserem eigenen Verhalten können wir ein kleines Modell davon leben und im Namen Christi Fremdenhass und Ausländerfeindlichkeit zumindest ansatzweise überwinden und dem Anderen mit Achtung begegnen. Als sich die frühchristlichen Dichter sicher waren, dass die Magier aus dem Morgenland drei waren, haben sie Melchior als Perser, Balthasar als Inder und Caspar als dunkelhäutigen Araber dargestellt: ein wirklich multinationales Dreigestirn!

Und mit Rückgriff auf die Offenbarung des Johannesabgeleitet möchte ich noch eine „besinnliche“ Überlegung äußern: Am Schluss des Buches wird ein Loblied auf Gott gesungen, das man gleich vertonen möchte: „Preis und Herrlichkeit, Weisheit und Dank, Ehre, Macht und Stärke gebührt unserem Gott immer und ewig.“ Nur Gott verdient diese Anbetung. Aber wenn wir schon so von Gott sprechen, dann ist es nicht mehr nur der christliche Gott – neben irgendwelchen anderen Göttern. Die Rede von Gott als dem Höchsten schließt ein, dass er der Gott aller Menschen ist – und unter diesem Gedanken sind auch die Andersdenkenden und –glaubenden als Geschöpfe Gottes ernst zu nehmen.

Zu Anfang der 3. Kantate des Weihnachtsoratoriums von Johann Sebastian Bach singt der Chor: „Herrscher des Himmels, erhöre das Lallen, lass dir die matten Gesänge gefallen.“ Mit besinnlichem Ernst gesagt: Bach wollte zum Ausdruck bringen, dass alles Loben und Preisen Gottes angesichts seiner Menschwerdung in Christus immer nur matt bleiben und lallend vorgetragen kann. Gottes Größe überstrahlt alles – wie in der Vision des Johannes. Aber sein Strahlen will einen Widerschein in unseren Herzen und Köpfen finden.

Ein Kollege aus Hessen hat mir diese von ihm verfassten Verse geschickt:
O heilige Nacht, du bist nun voller Liebe,
trag sie hinaus ins Dunkel dieser Welt!
Es werde überall Gerechtigkeit und Friede,
und Freiheit unterm Himmelszelt!
Dafür lohnt es sich zu leben,
ich möchte dieses Licht gern weitergeben.
O heilige Nacht, o heilige Nacht.

__________________________________________________________