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Jörg Scholz



Predigt zum 2. Weihnachtstag 2020 über Hebräer 1,1-3

[Diese Predigt sollte in der St. Philippus-Kirche gehalten werde – aber alle Gottesdienste wurden wegen des Corona-Lockdowns abgesagt.]

 

 

Liebe Gemeinde!

 

Vor vielen Jahren habe ich in einer Predigt zum 2. Weihnachtstag folgende ziemlich verrückte Forderung gestellt: Per Dekret solle die Regierung anordnen, die Vorweihnachtszeit für 10 Jahre auszusetzen. Mir war mal wieder der ganze vorweihnachtliche Rummel auf die Nerven gegangen, der mit dem eigentlichen Sinn des Christfests wenig zu tun hat.

 

Und nun, 2020? Nicht wegen der Auswüchse des Konsumtrubels, sondern wegen der Corona-Pandemie haben wir tatsächlich so etwas wie einen Stillstand des jahrelang Gewohnten. Die Mehrzahl der evangelischen Kirchengemeinden hier in Lübeck hat sich entschieden, zumindest bis zum 10. Januar die sogenannten Präsenzgottesdienste, also die mit einer Gemeinde im Kirchenraum, zu streichen. Einige Gemeinden und die katholischen Geschwister laden allerdings zu solchen Gottesdiensten unter strengen Auflagen ein. Denn die Verordnung der Landesregierung erlaubt ausdrücklich, dass Gottesdienste gefeiert werden dürfen.

 

Ehrlicherweise muss ich sagen, dass ich in der Frage: „Gottesdienste ja oder nein?“ unsicher bin. Ja, es ist doch gut, wenn Menschen wenigstens dazu zusammenkommen können; nein, es ist ein Zeichen der Solidarität mit dem zurückgefahrenen gesellschaftlichen Leben, wenn die Kirchen die staatliche Erlaubnis nicht nutzen.

 

Es wird viele andere Angebote der Kirchen gegeben haben, wenn wir auf das Weihnachtsfest 2020 einmal zurückblicken werden. Die digitale Entwicklung macht vieles möglich, was vor Jahren noch undenkbar gewesen wäre. Wird das eingetreten sein, was mir eine Freundin schrieb: „Ich hoffe, dass … viele Menschen erkennen, was ihnen wirklich wichtig ist, und sich daraus besinnliche neue Rituale entwickeln…“?

 

Sind wir offen für vertieftere Gedanken zum Fest der Geburt Christi? Weht ein neuer Zeitgeist angesichts von Corona? Ein gewaltiges Wort ist das vom „Zeitgeist“. Keiner hat ihn je gesehen - und doch meinen wir manchmal, ihn zu spüren. „Der Geist der Zeit“, der „Geist unserer Zeit“. Klingt da noch etwas nach vom großen Philosophen Hegel, der meinte, dem Geist in der Zeit, dem Geist in der Geschichte, auf die Schliche gekommen zu sein? Eingeweihte wissen es: Der von Gott ausgehende Geist entwickele sich nach Hegel dialektisch, das heißt nicht gradlinig, sondern im Hin und Her der Bewegungen auf das Ziel der Geschichte hin: der Versöhnung von allem und der zur Erscheinung gebrachten Freiheit des Geistes. Man beachte, wie Hegel immerhin noch so etwas wie eine Zielvorstellung hatte, auf die hin alles hinführe (übrigens mit dem Menschen als Subjekt der Geschichte, denn im menschlichen Geist habe sich der göttliche Geist manifestiert).

 

Aber wenn wir ehrlich sind, dann melden sich angesichts des gegenwärtigen Zustands des Geistes schon Zweifel an; ihm scheint’s derzeit nicht so gut zu gehen, und man muss schon kräftig nachhelfen, um dem Geist unserer Zeit (zumindest in den westlich geprägten Gesellschaften) noch eine Spur davon abzugewinnen, dass er auf gutem Wege sein könnte. Das noch im letzten Jahr gewohnte Vorweihnachten ist ja nur ein Teilchen davon. „Ein besseres Leben, ja - aber bitte sofort, ohne anstrengende Widersprüche, ohne Eigenverantwortung, ohne Entscheidungen und, in jeder Hinsicht, ohne Opfer!“ Das schrieb ein kluger Mensch in einer anspruchsvolleren deutschen Tageszeitung. Und wenn wir uns den Gesamtzustand des Planeten ansehen, ökologisch wie politisch, dann bleibt uns doch nur übrig, uns zu sagen: Genießen wir das Leben, solange es noch nicht zu spät ist. Denn eigentlich ist die Welt ja aus den Fugen. Und wenig Gutes ist am Horizont, keine Zielvorstellung im Hegelschen Sinne, für das es sich lohnte, sich in Bewegung zu setzen. Also bewegen wir uns auf der Stelle. Oder trauern den vermeintlich besseren alten Zeiten nach, wo der Weltgeist jedenfalls noch positiv spürbar gewesen sein soll.

 

Ich bin auf die grundsätzlichere Frage gekommen, ob wir denn uns noch irgendwohin auf dem Weg wissen; überhaupt noch die Frage stellen, wohin denn die Welt sich bewegt und damit wir uns mit ihr. Weltuntergangsstimmung wollen wir ja auch nicht so richtig, also tappen wir mit und sind Beteiligte an dem, was der eben zitierte Autor so umschreibt: „So wird die Welt zur Hölle des unendlich um sich kreisenden Narzissmus“. Harte Worte, aber ich kann ihnen zunächst nicht so richtig widersprechen.

 

Nun wird mir manche, mancher leise, verhalten zurufen: „Aber du bist doch Christ, du wolltest dich am 2.Weihnachtstag auf die Kanzel stellen und redest nur von dem, was schiefläuft.“ Gute Widerrede, kann ich da nur sagen. Ich möchte ja auch gerne dem etwas entgegenstellen, was ich eben so knapp skizziert habe. Aber ich möchte auch vor dem voreiligen Schluss warnen, als hätten Christinnen und Christen in eben dieser von mir so beschriebenen Zeit, der wir ja alle mit verfallen sind, so etwas wie ein Geheimrezept. Vielleicht bleibt uns nur dieses übrig; uns für einen Augenblick dem Zeitgeist zu entziehen - und dann, klingt sehr vermessen, noch einmal von vorne anzufangen.

 

Der Predigttext für diesen 2.Weihnachtstag tut das, er zieht uns für einen Augenblick vom Zeitgeist weg. Welche ganz andere Zeitansage enthält er, eine Zeitansage, die wie aus einer anderen Welt klingt, jedenfalls nicht aus unserer gegenwärtigen. Ich möchte nur noch dazu sagen, dass es sich um die Eingangsverse des Schreibens handelt, das seit alters her als „Hebräerbrief“ bezeichnet wird. Weder weiß man genau, wer ihn geschrieben hat, manche vermuten, es sei eine Frau gewesen, noch weiß man genau, wer eigentlich mit den Hebräerinnen und Hebräern gemeint ist, an die das theologisch bemerkenswerte Schreiben gerichtet ist. Und ich kann und will jetzt auch nicht die für das Neue Testament sehr eigenständige Theologie beschreiben, die in diesem Schriftstück zum Ausdruck kommt und es neben den Evangelien und den Paulusbriefen eher zu einem Randdasein verurteilt hat. Aber seine ersten Sätze, der Predigttext für den 2. Weihnachtstag, die haben es schon in sich - und vielleicht sind Sie jetzt neugierig geworden; hier ist der Text in meiner eigenen Übersetzung:

 

„Vielfach und vielgestaltig hat Gott in der Vergangenheit zu den Vorfahren durch die Propheten gesprochen; am Ende dieser Tage sprach er zu uns durch einen, der Sohn ist. Ihn hat er dazu ausersehen, Erbe von allem zu werden, durch ihn hat er auch die Welt erschaffen. Er ist Abglanz seiner Herrlichkeit und Abdruck seines Wesens, gibt dem All durch sein machtvolles Wort Bestand. Er hat Reinigung von den Sünden bewirkt und sich danach zur Rechten der Majestät in der Höhe niedergesetzt; er steht damit so viel höher als die Engel, wie er vor ihnen einen Namen empfangen hat, der ihren an Würde übertrifft.“

 

O mein Gott, was für eine Zeitansage! Wie Glockenschläge, wie eine komprimierte Datei… In wenigen Sätzen wird alles, jedenfalls in der Sicht der Autorin oder des Autors, auf den Punkt gebracht: Gott hat geredet - durch den Mund der Propheten des Alten Testaments und jetzt hat er noch einmal gesprochen durch den Sohn in diesen letzten Tagen. Und was ist in diesem Sohn alles zusammengebracht: das Erbe des Alls, das schon durch ihn geschaffen worden ist; in ihm ist der Abglanz der göttlichen Herrlichkeit erschienen und die Reinigung von der Sündhaftigkeit ist geschehen und er sitzt zur Rechten Gottes in der Höhe. Wir denken noch einmal an Hegel und begreifen: Hier schreibt jemand, der auch einen Schlüssel zur Geschichte und ihrem Verständnis zu besitzen meint - und er tut das mit Worten, die an den Prolog des Johannes-Evangeliums erinnern: Durch das Wort, hier ist es der Sohn selbst, ist alles geschaffen - und mit Worten, die den Kreuzestod Jesu mit einbeziehen (Reinigung von der Sündhaftigkeit) und die unsere späteren Glaubensbekenntnisse vorwegnehmen. Was für eine Sprach- und Gedankenkraft, gegen die wir uns mit unseren Weihnachtspredigten und auch sonst im Jahr ausnehmen wie Zwerge! Und wenn ich gleich meinen Zweifel einräumen möchte, ob wir uns denn irgendwie und irgendwo auch nur andeutungsweise diese Gedanken zu eigen machen könnten, dann sollte doch wohl das gelungen sein: Wir sind der Ansage des Geistes unserer Zeit für einen Augenblick entrückt worden und haben gesehen: es gibt auch ganz andere Zeitansagen. Man bedenke, dass der Hebräerbrief wohl an Menschen geschrieben worden ist, die müde geworden sind und wo der Gottesdienst mangelhaft besucht wird. Und dann reiben wir uns schon bei diesen Zeilen verwundert die Augen, wie ein Mensch im Glauben die müde und lasch Gewordenen wieder aufbauen und trösten will mit einer Sicht des Ganzen. Darum geht es, und darum auch ohne weitere Vorrede oder Vorbemerkung gleich die geballte theologische Ladung.

 

Und jetzt müsste das Gespräch losgehen! Jetzt müssten wir uns fragen, wir wir’s denn mit dem Alten Testament halten, dem der Brief an die Hebräerinnen und Hebräer auch sonst einen so hohen Stellenwert einräumt? Und wir müssten uns fragen, ob denn unser Glaubensbekenntnis an Gott den Schöpfer auch enthält, dass das ganze All in Gottes Hand ist. Und wir müssten uns fragen, ob das, was im Sohn, also in Jesus Christus, erschienen ist und im Stall von Bethlehem begann, in einem über alle Zeiten hinweg stehenden Sinnzusammenhang steht. Und wir müssten uns fragen, ob der Tod Jesu am Kreuz in der gefallenen Welt so etwas wie Bereinigung von der Sündhaftigkeit, vom Makel des verfehlten Lebens, bewirkt hat. Das alles müssten wir uns fragen - und ich müsste es mich auch fragen, und unsere Antworten darauf wären sehr tastend, und wir müssten weit ausholen mit philosophischen und grundsätzlichen Gedanken. Und wir würden vielleicht widersprechen, indem wir etwa sagten: Ist denn alles mit Jesus Christus zum Ende gekommen, ist das Ende der Tage wirklich schon da, und hat Gott vielleicht nicht doch noch weiter gesprochen auch nach Jesus Christus in den Zeugen des Glaubens? Und manche würden vielleicht noch grundsätzlicher die Frage stellen, ob eine solche Gesamtschau des Daseins nicht auch schon wieder unzulässig ist, weil sie die Geschichte festlegt. Müsste, würde ...

 

So kommen wir also an diesem 2. Weihnachtstag nicht weiter. Und auch wenn ich ahne, dass die in diesem Text enthaltene Theologie, gerade weil sie Trost sein will, schon ihre mich faszinierenden Aspekte hat - so würde auch ich an manchen Stellen meine Zweifel und Widersprüche anmelden.

 

Und so möchte ich noch einmal ganz bescheiden auf den schon genannten Punkt hinweisen, der hieß: Nehmen wir doch wenigstens wahr, dass es ganz andere Zeitansagen gibt als nur die, die der Zeitgeist uns einbläut: Funktioniere, konsumiere, sei fit, sei schön, sei pausenlos glücklich, achte vor allem auf dich selbst - das sind solche Einflüsterungen. Und vielleicht können wir uns dann und wann besser gegen sie wehren, wenn wir akzeptieren, dass damit noch nicht alles über den Menschen gesagt ist. Unser Blickwinkel, und das wenigstens leisten für mich diese großen Worte aus dem Brief an die Hebräerinnen und Hebräer, kann sich auch noch einmal verändern. Oder wir können anfangen, wie es der große marxistische Philosoph Ernst Bloch beschrieben hat, das Hoffen zu lernen. Weihnachten als Fest der schönen Gefühle (wenn sie denn wirklich schöne waren), ist ja ganz okay. Aber Weihnachten möchte auch etwas davon erzählen, dass, und nun rede ich auch theologisch, Gott nicht lockerlässt, sich in dem Menschen wiederzufinden, der sich um Gottes Willen auf den Weg macht. Aber auch dieses Sich-auf-den-Weg-Machen müssen wir erst lernen. Erst dann werden wir vielleicht auch merken, wer unsere Wege zuschüttet und was den Weg behindert. Und biblische Texte wie große Musik und große Literatur geben uns Fingerzeige darauf, was auch sein könnte jenseits des Zeitgeistes. Wie müde und lahm sind wir geworden! Wie haben wir uns eingenistet im Funktionieren, und leiden müssen stellvertretend für uns die, die aussteigen oder deren Seele sich weigert, noch mitzuspielen, und die krank werden.

 

Das alles kann ich in diesem Jahr nicht in einem Gottesdienst sagen. Wo doch der Gottesdienst für mich immer mehr zum Ort und zu der Zeit geworden ist, wo ich ein wenig dem Zeitgeist entrücken kann. Und vielleicht wäre es angesichts der Pandemie auch ganz heilsam, sich einzugestehen, dass uns die großen Ideen und Bilder vom Leben ausgegangen sind, - und sich zu dieser Armut zu bekennen.

 

Ein Freund schrieb zu diesem besonderen Weihnachtsfest: „Heute ist ein erster Tag, eine neue, unverbrauchte Chance des Lebens und der Liebe, selbst wenn es mein letzter Tag wäre.“

 

Amen

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Als Johannes der Täufer im Gefängnis vom Wirken Christi hörte, entsandte er einige seiner Jünger und ließ Jesus fragen: Bist du der, der kommen soll, oder müssen wir auf einen anderen warten?

Und Jesus gab ihnen zur Antwort: Geht hin und berichtet Johannes, was ihr hört und seht:

Blinde können wieder sehen und Gelähmte gehen, Aussätzige werden rein und Taube können hören, Tote werden auferweckt und Armen wird die Gute Botschaft verkündet.

Und selig ist, wer an mir nicht irr wird!

(Matthäus 11,2-6)

 Predigt am 3. Advent 2020 in St. Philippus

 

Liebe Gemeinde!

 

Auf dieser Erde ist wohl der Mensch das einzige Lebewesen, das einen Begriff von der Zeit hat. Sicher, auch Tiere und Pflanzen haben ihre Zeiten, aber sie sind nach allem, was wir wissen, von der Natur oder dem Instinkt gesteuert. Affen beispielsweise schauen nicht auf die Uhr.

Bei der menschlichen Wahrnehmung der Zeit lassen sich zwei Vorstellungen unterscheiden: die lineare und die zyklische. Die lineare lässt sich als ein in die Zukunft gerichteter Strahl verstehen. So wurden wir einmal geboren und wandern nun auf dem Zeitstrahl durch das uns geschenkte Leben. Der Tod markiert das Ende dieser irdischen Wanderung.

Aber innerhalb dieses Zeitstrahls gibt es die zyklische, die wiederkehrende Zeit. Tag und Nacht, die Jahreszeiten, unsere Feste und Rituale und vieles andere – es wiederholt sich, wenn natürlich auch in manchmal veränderter Form.

Die östlichen Religionen wie der Hinduismus und der Buddhismus haben, wie Sie sicher wissen, ein anderes Verständnis von der Zeit: Sie rechnen nicht mit einer linearen Zeit, sondern sehen das ganze Leben eingebettet in einen Kreislauf der Wiedergeburten. Die Seligkeit oder Erlösung liegt darin, diesen Kreislauf zu durchbrechen und in das Ewige, das Nirwana zu gelangen.

Wir Christen wie unsere jüdischen und moslemischen Glaubensgeschwister aber sehen das Leben, wie gesagt, linear. Wir kommen und gehen. Das gilt auch kosmisch: Eines Tages wird die lineare Zeit zu Ende sein – ein Bild für dieses Ende ist das des Christus als Weltenrichter am Ende der Zeit.

Weil wir um die Vorstellungen von der Zeit wissen, gibt es Eigenschaften des Menschen, die wir mit den Wörtern: warten, hoffen, wünschen beschreiben können. Warten, Hoffen und Wünschen richtet sich in die Zukunft. In Erinnerung an das eben gehörte Evangelium – Johannes der Täufer lässt Jesus fragen: Bist du der, der kommen soll, oder müssen wir auf einen anderen warten? – möchte ich beim Warten verweilen.

Es ist ja so eine Sache mit all den Lebenserfah-rungen, die das Wörtchen „warten“ abdeckt. Zunächst ist es ein neutrales Wort: Es beschreibt den Zustand, in dem eine Zeit zu überbrücken ist hin zu etwas Neuem. Aber mit diesem Warten sind Gefühle verbunden: Hochstimmung und Angst, ja es kann sich sogar Wut damit mischen, wenn das Warten zu lange dauern sollte.

Jeder, jede unter uns könnte Warte-Geschichten erzählen, freudige, heitere, aber auch deprimierende und schwermütige. Aber wenn man ganz vorne im Leben mit dem Geschichten-Erzählen anfangen würde, dann würden vielleicht doch viele Erzählungen vom kindlichen Warten im Advent auf den Heiligen Abend beginnen: wie wir die Tage zählten, als wir gelernt hatten, zu zählen - „dreimal werden wir noch wach, heißa, dann ist Weihnachtstag“, wie wir ungeduldig die Fenster des Adventskalenders öffneten und wie wir als Kinder den 24. Dezember selbst erlebten mit dem Warten auf die Bescherung.

Und so könnte man eine Warte-Geschichte nach der anderen daran knüpfen, ja, man könnte sein ganzes Leben einmal darauf hin abklopfen, wo wir inständig oder auch eben bang gewartet haben oder haben warten müssen. Es gibt sogar Statistiken darüber, wie viele Stunden seines Lebens ein Mensch im Schnitt mit Warten zubringt. Eine Reihenfolge der Hitliste des Wartens dieser Tage sieht so aus: Computer, Stau, Badezimmer, Wartezimmer, Supermarkt.

Ob das so stimmt? Das Warten gehört zu unserem Leben, weil wir sehr früh schon darum wissen, dass hinter der Gegenwart immer eine Zukunft liegt, eine Zukunft, die wir manchmal gestalten können, dann planen wir; aber häufig auch eine Zukunft, für die wir eben gar nicht viel mehr tun können - als eben zu warten. Ein seinerzeit berühmtes Theaterstück von Samuel Beckett trägt den Titel „Warten auf Godot“. Zwei Landstreicher warten auf einen, der nicht kommt: eben Godot. Ist Godot vielleicht Gott, ist er nur ein Phantom, ein Gespenst? Die Antwort bleibt offen, denn Godot kommt nicht. Es gibt eine Zukunft, aber aus ihr spricht keine Hoffnung.

Ist unsere Gegenwart ein solcher hoffnungsloser Fall des Wartens? Das alles übersteigende aktuelle Warten von uns, das Warten der ganzen Menschheit richtet sich doch auf den Augenblick, wo dieses hässliche Corona-Virus besiegt ist. Wie lange müssen wir darauf noch warten?

In unserem heutigen Predigttext, der sicher wegen des adventlichen Wartens auf die Geburt des Christus ausgesucht wurde, ist auch von der zu erwartenden Zukunft die Rede. Und der, der fragen lässt, nämlich Johannes der Täufer, scheint in seiner Haltung unsicher zu sein. „Bist du der, der kommen soll - oder müssen wir auf einen anderen warten?“ Historisch gesehen führt dieser Text in eine spannende, aber schwer zu beantwortende Frage: nämlich die nach dem Verhältnis von Johannes und Jesus zu Lebzeiten der beiden. Vielleicht kennen manche von Ihnen das Bild von der Kreuzigung Jesu vom Isenheimer Altar in Colmar des Matthias Grünewald: Der Täufer steht unter dem Kreuz und zeigt mit einem übergroßen Zeigefinger auf Jesus: er weist auf den Größeren hin, der nach ihm kommt.

Nehmen wir die Frage des Johannes in diesen Adventstagen als unsere Frage. „Bist du es, der da kommen soll - oder sollen wir auf einen andern warten?“ Natürlich gibt es viele unter uns, die würden den ersten Teil dieser Frage mit einem klaren Ja beantworten. Ja, er ist es, der da kommen sollte, in ihm ist der erwartete Messias erschienen, davon lebt doch unser Glaube und unterscheidet sich gerade darin klar vom jüdischen Geschwisterglauben. Auf der Ebene des Glaubensbekenntnisses ist die Antwort also eine sichere, und ich würde mich dem anschließen. Und dann entfällt aber auch der zweite Teil der Frage des Johannes, seine zweifelnde Überlegung: „Oder müssen wir auf einen anderen warten?“ Das ist ja dann nicht mehr notwendig.

Doch wenn wir ganz ehrlich sind (und wenn wir auf die vielen Menschen unter uns schauen, die das Weihnachtsfest doch mehr äußerlich einfach so mitfeiern), dann müssen wir vielleicht auch zugeben, dass das Bekenntnis des Glaubens: Jesus Christus ist der Erwartete - und die konkrete Beantwortung der Frage, was wir denn alljährlich im Advent neu erwarten, was denn da in der Krippe des Stalles wirklich für uns und in uns entsteht, gar nicht so ganz deckungsgleich zusammen zu bringen sind. Wenn wir die Frage vollständig beantworten wollten, wer denn dieser von uns erwartete Jesus ist - über sein Kindsein in der Krippe hinaus - dann ist das auch eine Frage nach unseren Jesus-Bildern und eine Frage, was sie denn für unser Leben bedeuten, wenn wir nicht sozusagen im Wartezimmer von Jesus sitzen bleiben wollen.

Der im Gefängnis einsitzende und wohl auf seine Ermordung wartende Johannes will es wenigstens genauer wissen: Bist du der, der kommen soll, oder müssen wir auf einen anderen warten?

Und er bekommt eine Antwort von Jesus, die ebenso wunderbar wie merkwürdig ist. Jesus sagt nicht: Ich bin es, und gibt eine eigene Beschreibung seiner Person und seiner Rolle. Sondern er schildert, übrigens mit Worten aus dem Propheten Jesaja, Ereignisse, die vor sich gehen:

Blinde können wieder sehen und Gelähmte gehen, Aussätzige werden rein und Taube können hören, Tote werden auferweckt und Armen wird die Gute Botschaft verkündet.

Wunderbar ist, was da geschieht - und merkwürdig ist, wie wenig Jesus es direkt mit sich selbst in Verbindung bringt. Wenn wir Erwartungen an einen Menschen haben, und er will uns eine Antwort auf diese Erwartungen geben, dann wird er doch wohl eher in der Ich-Form sprechen, er will uns Identifikationsmöglichkeiten mit ihm an Hand seiner Person geben. Ja, wir leben doch geradezu in einer Zeit, wo diese Art von Personalisierung bis zum Geht-nicht-Mehr getrieben wird. Es ist nicht so sehr wichtig, was tatsächlich geschieht, was sich tatsächlich verändert – sondern es läuft auf ganz anderen Kanälen. Es wird alles an den Gesichtern der Personen, an ihrem Outfit, wie man das nennt, aufgehängt - selbst in den noch einigermaßen seriösen Nachrichtensendungen des Fernsehens rücken der Moderator und die Sprecherin immer mehr in den Vordergrund. Die Wettervorhersage ist zu einem Event geworden. Von den Politikern ganz zu schweigen.

Nichts davon, auch nur in Andeutungen, in der Antwort Jesu auf die Frage des Täufers. Natürlich verbinden wir die Blindenheilungen, die Krankenheilungen, die Predigt an die Armen sofort mit ihm - und ich habe selbst vorhin nach unseren Jesusbildern gefragt, Jesus weist nur einmal auf sich selbst hin: Selig ist, wer an mir nicht irr wird! Vielleicht sagt er das, weil er sagen will: Vorsicht, wenn ihr euch wirklich auf mich einlassen wollt! Da könnten alle eure schönen Bilder ganz schön in die Irre laufen. Nein, er beantwortet die Frage des Johannes sozusagen mit einem kurzen Bericht über das, was sich in der Gegenwart der Menschen damals tut. Und das ist so viel, das ist so gewaltig, dass alle merken müssen: hier geschieht etwas von Gott her, etwas ganz Neues und Großes. Und Jesus selbst ist auf einmal gar nicht mehr so wichtig. Ich glaube, das ist auch für uns überraschend.

Lässt sich das auf unsere Gegenwart übertragen?

Leichter fällt mir das im Blick auf die aktuelle Politik. Etwas flapsig ausgedrückt: Man müsste einmal für ein Jahr diese unsäglichen Talk-Shows verbieten, in denen sich die Politiker nur selbst darstellen und die Moderatorinnen und Moderatoren ebenso. Schluss mit dem Profilierungsthea-ter unserer politischen Klasse, Schluss mit dem Gewinnwahn und dem Luxus in den Führungsetagen der Industrie! An die Stelle müsste treten eine ernsthafte Auseinandersetzung mit der Lage und den Problemen unserer Gesellschaft, die an einem Scheideweg steht: Finanzkrise, Klimakatastrophe, Pandemie! Und wenn jemand die Politikerinnen und Politiker fragen würde, seid ihr es, die wir gewählt haben - oder sollen wir andere wählen? dann dürften wir uns nicht mit der selbstgefälligen Antwort zufriedengeben: Natürlich sind wir es, guckt uns doch an! Sondern dann wäre es schön, sie würden authentisch so reagieren können: Schaut doch, was sich tut - wie die Bildung gefördert wird; wie alle Entscheidungen der Umwelt dienen; wie die Schere zwischen Arm und Reich sich immer mehr schließt; wie fair gehandelt wird; wie eine Aufbruchstimmung durch die Gesellschaft geht.

Vielleicht finden Sie dieses Beispiel in der Adventszeit in einem Gotteshaus etwas daneben - aber es wäre doch gut, wenn solches geschähe - oder nicht? Mir gefällt einfach an dem Predigttext die Wegwendung von der personellen Identifikation hin zu dem, was getan werden muss und was sich tatsächlich tut.

Und in Bezug auf unser Christsein selbst? Ich glaube nicht, dass wir von unseren Jesus-Bildern absehen können und ich will es auch gar nicht. Aber in seiner Erwartung könnte es manchmal auch gut sein, sich genauso sehr mit der Frage auseinander zu setzen, was daraus denn ganz konkret, ganz praktisch in unserem Leben her-vorgehen soll. Freundlich sein; für den anderen da sein, der uns braucht, die Kranken besuchen und die Trauernden trösten; sich für die einsetzen, die zu kurz kommen - ich könnte diese Liste praktischen Christentums noch weiter fortsetzen. Warum soll das, was zu Jesu Zeit geschehen ist - und was er dem Täufer an umwälzenden, beglückenden Begebenheiten mitteilt, nicht auch wenigstens zu einem Teil heute passieren?

 

Aus dem 13. Jahrhundert ist folgendes Gebet überliefert, das viele von Ihnen, liebe Gemeinde, sicher schon kennen:

„Christus hat keine Hände,

nur unsere Hände, um seine Arbeit heute zu tun.

Er hat keine Füße, nur unsere Füße,

um Menschen auf seinen Weg zu führen.

Er hat keine Lippen, nur unsere Lippen,

um Menschen von ihm zu erzählen.

Er hat keine Hilfe, nur unsere Hilfe,

um Menschen auf seine Seite zu bringen.

Wir sind die einzige Bibel,

die die Öffentlichkeit noch liest.

Wir sind Gottes letzte Botschaft,

in Taten und Worte geschrieben.

So will der erwartete Christus kommen - durch uns in diese Welt. Amen