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Jörg Scholz

Predigt am 24. Juli 2022 in St. Philippus
Epistel und Predigttext: Römerbrief 6, 3-8
"Oder wisst ihr nicht, dass wir alle, die wir in Christus Jesus hineingetauft wurden, in seinen Tod hineingetauft worden sind?
Wir sind also durch die Taufe mit ihm in den Tod hinein begraben worden, um so, wie Christus von den Toten durch die Herrlichkeit des Vaters auferweckt worden ist, ein völlig neues Leben zu führen.
Denn wenn wir uns ganz mit dem Bild seines Todes verbunden haben, werden wir uns auch mit dem seiner Auferstehung verbinden.
Denn wir begreifen, dass unser alter Mensch mitgekreuzigt worden ist, damit der von der Sünde beherrschte Leib verschwinde und wir nicht mehr Sklaven der Sünde sind;
denn wer gestorben ist, ist von der Sünde freigesprochen.
Wenn wir aber mit Christus gestorben sind, glauben wir, dass wir auch mit ihm leben werden."


"Wisst ihr nicht?" - so beginnt der Abschnitt aus dem Brief des Apostels Paulus nach Rom, den wir vorhin schon als Epistellesung gehört haben. "Wisst ihr nicht?" - das klingt so, als sollten es die Empfänger des Briefes eigentlich wissen. Was sollen sie wissen? Die folgenden Sätze des Paulus führen es aus (ich zitiere nur die ersten): Wir alle, die wir in Christus Jesus hineingetauft wurden, sind in seinen Tod hineingetauft worden. Wir sind also durch die Taufe mit ihm in den Tod hinein begraben worden, um so, wie Christus von den Toten durch die Herrlichkeit des Vaters auferweckt worden ist, ein völlig neues Leben zu führen.

Die Sätze, die Paulus hier schreibt oder diktiert, sind, um es in meiner Sprache auszudrücken, Theologie in höchster Verdichtung. Und wenn er fragt, ob die Empfänger es nicht wissen müssen, dann nimmt er wohl an, dass sie es schon vor ihm erfahren haben, es also nicht neu ist. Die Exegeten sprechen von einem vorpaulinischen Traditionsstück, das Paulus hier aufgreift. Aber er scheint unsicher zu sein, ob es wirklich begriffen wurde.

Welcher theologische Gedanke wird hier von Paulus entwickelt? Er vergleicht das Christusgeschehen von Kreuzestod und Auferweckung mit der Taufe zum Christsein. Mit der Taufe wird sozusagen das Christus Widerfahrene noch einmal wiederholt und  führt zu einer neuen Existenz. Und schon stehen wir getauften Christinnen und Christen des 21. Jahrhunderts vor der Frage, ob wir jemals unsere Taufe in diesem gewaltigen Zusammenhang verstanden haben. Ich gestehe an dieser Stelle, dass ich – immerhin ordinierter Pastor – die eigene Taufe so nicht verstanden habe. Wie geht es Ihnen damit, wie haben Sie Ihre Taufe verstanden?

Die einfachste Begründung für die Taufe wäre die: Da wird jemand mit einem alten Sakrament, einer heiligen Handlung, ein Glied der christlichen Kirche. Ich erinnere noch einmal an den vorhin als Evangelium gehörten Schluss des Matthäus-Evangeliums, wo Jesus sagt: "Geht hin und macht alle Völker zu Jüngern und tauft sie auf den Namen des Vaters, des Sohnes und des heiligen Geistes und lehrt sie, alles zu bewahren, was ich euch aufgetragen habe! Und siehe, ich bin bei euch an allen Tagen bis zum Ende dieser Weltzeit." Den Auftrag, auf den Namen des dreieinigen Gottes zu taufen, hat man immer als "Taufbefehl" verstanden. Ich würde sagen: Jesus befiehlt nicht, aber er lädt zur Taufe ein.

Bei mir war immer das Wissen, dass ich im Alter von fast neun Monaten (ich soll so schwer gewesen sein, dass die Patin, die mich über der Taufschale hielt, kräftig zupacken musste) am 2. Ostertag des Jahres 1946 in einer schönen gotischen Kirche meiner nordhessischen Heimatstadt getauft wurde. Ich wusste, dass ich drei Patinnen hatte und dass mein Vater nicht bei der Taufe dabei war, weil er sich in russischer Kriegsgefangenschaft befand und erst nach Hause kam, als ich schon vier Jahre alt war. Mehr wusste ich nicht und hatte mich damit begnügt, zu erinnern: Ich bin getauft  und damit Mitglied der evangelischen Kirche geworden. Ich kann mich auch nicht daran erinnern, dass in der Familie jemals über den Tag meiner Taufe gesprochen wurde. Da meine Mutter wenig kirchlich eingestellt war, nehme ich an, dass es ihre Eltern, meine Großeltern, waren, die dafür gesorgt hatten, dass ich getauft wurde. Im Gegensatz zu meinem Konfirmationsspruch, den ich mir immer gemerkt hatte, spielte der Taufspruch leider keine Rolle. An eine eigene Deutung des Taufgeschehens etwa im Sinne der Sätze des Apostels Paulus habe ich eigentlich nie gedacht. Ende dieses nicht gerade rühmlichen Ausschnitts aus meiner Biographie mit der Bemerkung, dass ich zur Vorbereitung dieser Predigt meine Taufurkunde hervorgeholt habe und versucht habe, mir jetzt den Taufspruch einzuprägen. Im 1. Brief des Timotheus steht er und heißt: "Kämpfe den guten Kampf des Glaubens!" Sagen möchte ich aber auch noch, dass ich schon seit vielen Jahren immer dann, wenn ich meine Heimatstadt besuche, auch in die Taufkirche gehe, und mir sage: Ja, hier bist Du vor vielen Jahren getauft worden!
Ich kann mir vorstellen, dass bei Ihnen, liebe Gemeinde, meine Erinnerungen an die Taufe ebenfalls Erinnerungen hoch kommen lassen. Ich hoffe, es sind gute.

Kehren wir wieder zu den Hammersätzen des Paulus zurück. Diese Analogie des Christusgeschehens mit der Existenz des Getauften. Das Untertauchen bei der Taufe verbindet mit dem Tod Christi, also dem Kreuz; das Wiederauftauchen mit seiner Auferweckung. Wenn ich vom "Christusgeschehen" spreche, ist daran zu erinnern, dass Paulus an der Person und dem Wirken des historischen Jesus von Nazareth so gut wie kein Interesse zeigt. Wichtig ist ihm allein die theologisch-philosophische Bedeutung der mit Jesus verbundenen Kerndaten: Eintritt in die Welt, Kreuz und Auferweckung. Dass er den Vergleich Christusgeschehen – christliche Existenz so ziehen kann, hat natürlich mit einer gegenüber unserer heute geübten Kindertaufe völlig anderen Ausgangssituation zu tun: Ein erwachsener römischer Mensch, der eben noch an die römische Götterwelt glaubte oder Jude war, entschließt sich, sein Leben dem neuen Glauben an Jesus Christus zu übergeben. Natürlich wird er nicht alles ablegen, was sein bisheriges Leben bestimmt hat, aber letztendlich wird eine neue Existenz hervorgebracht, eine Neuschöpfung des Individuums. Was in Zukunft alles anders werden wird, will ich jetzt im Einzelnen nicht beschreiben; Paulus tut das immer wieder in seinen Briefen. Und die Taufe war der in seiner Dramatik nicht zu unterschätzende Vorgang der veränderten, neuen Existenz. Die Gleichsetzung mit dem Christusgeschehen, die Paulus in unserem Text vornimmt (er gebrauchte noch andere Vergleiche) unterstreicht das Dramatische dieses Vorgangs.

In der Liturgie der römisch-katholischen Kirche finden sich noch Reste davon. Bevor der Täufling gesalbt wird, fragt der Priester: Widersagst du dem Satan? [Handelt es sich um ein Kind, werden die Paten gefragt.]
Ich widersage.
Priester: Und all seinen Werken?
Ich widersage.
Priester: Und all seinen Verlockungen?
Ich widersage.
Danach fragt der Priester Eltern und Paten nach ihrem Glauben:
Glaubt ihr an Gott den Vater, den Allmächtigen, den Schöpfer des Himmels und der Erde?
Ich glaube.

Wie gesagt, das sind noch Spurenelemente davon, dass es sich um ein dramatisches Geschehen handelt. Unsere, hart gesprochen, kuschelweichen Taufen lassen davon nichts mehr anklingen. Trauriger Tiefpunkt war für mich (leider hier in der St. Philippus-Kirche), als bei einer Taufe im Gottesdienst die Mutter des Täuflings sich von der Taufgruppe entfernte, um die Taufe ihres eigenen Kindes – zu filmen...

An dieser Stelle hätte ich meine Ansprachen bei Taufen mal wieder lesen müssen, um zu prüfen, in welchen übergeordneten Zusammenhang ich die Taufe stelle. Ich nenne nur einen Gedanken, der wohl immer wieder auftaucht: Die Orientierung am Leben und Handeln Jesu von Nazareth und der Wunsch, dass das Leben des zu taufenden Kinder sich in diesem Zusammenhang oder unter diesen Vorzeichen entwickeln möge – und das mit kräftiger Mithilfe der Eltern, Familien und Paten. Das ist gewiss nicht wenig, aber entspricht es der Tiefe der Gedanken des Paulus? Vielleicht sind wir nach 2000 Jahren Christentum einfach bescheidener und zurückhaltender geworden – und haben nicht mehr den Geist des Anfangs wie in den jungen christlichen Gemeinden der neutestamentlichen Zeit... Denn auch wir halten ja daran fest, dass es gut war und ist, Christ geworden zu sein.

Sie werden verstanden haben, liebe Gemeinde, dass ich im Blick auf Paulus keinesfalls sagen wollte, dass er – Paulus – Unsinn geschrieben hat. Dass ich eher voller Respekt auf die Tiefe seine Gedanken blicke und dann doch merke, dass Sie meinem (Ihrem, Fragezeichen?) Verständnis von einer christlichen Existenz nicht entsprechen.

Aber dann begann in meinem Kopf und Herzen doch so etwas wie ein bescheidener Zugang zu Paulus. Den muss ich, auch wenn ich in dieser Predigt vielleicht zu viel von mir selber spreche, noch einmal biographisch belegen. Was ist denn aus meiner Taufe geworden? Eine Nähe zu Gottesdienst und Kirchenmusik, die mit meiner Großmutter als Sängerin von der Empore meiner Taufkirche begann. Die Wahrnehmung christlich gesinnter Menschen, die mich in Kindheit und Jugend unter ihre Fittichen nahmen. Die Konfirmation und die Jugendgruppe. Der frühe Wunsch, Theologie zu studieren, auch gegen den Willen meiner Eltern. Und alles das, was danach kommt – bis zum heutigen Tag hier in der St. Philippus-Kirche. Ich würde nicht sagen, dass mit der Taufe als Kind etwas gestorben ist, aber ich würde sagen, dass etwas Lebendiges, Großes angelegt wurde. Auch wenn ich nie mein Theologendasein in Zweifel gezogen habe, es gab Irrungen und Wirrungen in meinem Leben, in denen manche kleinen Tode gestorben wurden. Daraus entstand kein völlig neues Leben, wie es Paulus beschreibt, aber ein Leben vor Gott und mit Blick auf Jesus, den Christus. Kein Anlass für Überheblichkeit (kein anderer als Paulus verurteilt das Sich-Selbst-Rühmen), aber viele Anlässe für Dankbarkeit. So legt sich über mein Leben doch so etwas wie ein übergeordneter Zusammenhang, auch wenn ich ihn nicht mit den Worten des Paulus im Brief nach Rom beschreibe.

Ich wünsche Ihnen an diesem Sonntag, dass Sie Ähnliches oder auch etwas mit ganz anderen Worten so ausdrücken und empfinden können.
Amen

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Predigt am 3. Juli 2022 (3. So. n. Tr.) in der Versöhnungskirche Travemünde über Hesekiel 18

Manchmal gehen auch einem altgedienten Pastor grundsätzliche Fragen des christlichen Glaubens wieder durch den Kopf... Ob diese auch Ihr Interesse finden? Eine dieser Fragen lautet: Warum greifen wir im Gottesdienst auf die Texte der Bibel zurück; predigen beispielsweise nicht über einen klugen Satz eines Kirchenvaters oder von Luther? Eine einfache Antwort auf diese Frage würde lauten: Weil die Texte der Bibel „heilig“ sind, aus einer weit zurückliegenden Zeit, sind sie Stimmen von Menschen, die näher dran waren an Gott, als wir es heute sind.
Eine andere grundsätzliche Frage, die sich heute besonders stellt, ist diese: Mit welchem Recht enthält unsere Bibel auch die Schriften des jüdischen Volkes, die wir „Altes Testament“ nennen? Heute stellt sich diese Frage besonders, weil der vorgeschlagene Predigttext aus Worten des jüdischen Propheten Hesekiel besteht. Auf diese Frage würde eine einfache Antwort lauten: Weil wir Christen davon ausgehen, dass sich Gott sozusagen zweimal offenbart hat. In den an die Juden gerichteten Worten des 1. Testaments und dann noch einmal neu in dem Bekenntnis zu Jesus Christus im 2., unserem Neuen, Testament. Das sehen unsere jüdischen Glaubensgeschwister anders – und wir müssen diese Differenz akzeptieren. Eine Zwangsmissionierung der Juden liegt heute im Gegensatz zu manchen Epochen der Christentumsgeschichte hoffentlich außerhalb unserer Handlungsmöglichkeiten.
Diesen beiden grundsätzlichen Fragen schließen sich viele weitere an, aber die möchte ich heute nicht behandeln. Ich komme vielmehr zum Propheten Hesekiel,der eigentlich Ezechiel hieß; aber Luther hat seinen Namen mit Hesekiel eingedeutscht. Mich hat die Predigtvorbereitung mit der Aufgabe konfrontiert, mich mal wieder mit diesem Propheten zu befassen, der neben Jesaja und Jeremia zu den sogenannten Großen Propheten gezählt wird. Sein Buch empfinde ich als eine schwer zugängliche Lektüre. So muss Hesekiels Charakterisierung der Frauen als lüsterne Huren oder Prostituierte den Widerspruch von uns Heutigen herausfordern.

Aber auch dieses biblische Buch ist in einer historischen Situation entstanden und die ist schon sehr interessant (ich zitiere einen Lexikonartikel): „Hesekiel stammte aus einem Priestergeschlecht und wurde 597 v. Chr. mit anderen vornehmen Juden von Nebukadnezar von Jerusalem nach Babylon deportiert. Von da verfolgte er die Ereignisse in seiner Vaterstadt mit großem Interesse.“ Das heißt: Er gehörte zu einer Gruppe, die schon vor der eigentlichen Deportation vieler jüdischer Menschen nach Babylon als Flüchtling in einem fremden Land unter fremder Herrschaft leben musste. Sein Thema ist – wie das anderer deportierter Propheten – ,was das Leben im Exil für Israel und seinen Glauben bedeutet. Eine plausible Erklärung für vieles in dem Buch Geschilderte lautet: Hesekiel verarbeitet auf seine Weise das Trauma von Vertreibung und Leben unter der Fremdherrschaft. Im Blick auf die weltweiten Flüchtlingsströme, zuletzt der Menschen aus der Ukraine, sind wir bei einem Thema, das leider nichts von seiner Aktualität eingebüßt hat.

Und wir sind jetzt gerüstet für den Predigttext für diesen Sonntag aus dem Propheten Hesekiel:

aus Hesekiel 18
Und des HERRN Wort geschah zu mir: Was habt ihr unter euch im Lande Israels für ein Sprichwort: »Die Väter haben saure Trauben gegessen, aber den Kindern sind die Zähne davon stumpf geworden«? So wahr ich lebe, spricht Gott der HERR: Dies Sprichwort soll nicht mehr unter euch umgehen in Israel. Denn siehe, alle Menschen gehören mir; die Väter gehören mir so gut wie die Söhne; jeder, der sündigt, soll sterben.
Wenn sich aber der Gottlose bekehrt von allen seinen Sünden, die er getan hat, und hält alle meine Gesetze und übt Recht und Gerechtigkeit, so soll er am Leben bleiben und nicht sterben. Es soll an alle seine Übertretungen, die er begangen hat, nicht gedacht werden, sondern er soll am Leben bleiben um der Gerechtigkeit willen, die er getan hat. Meinst du, dass ich Gefallen habe am Tode des Gottlosen, spricht Gott der HERR, und nicht vielmehr daran, dass er sich bekehrt von seinen Wegen und am Leben bleibt? Und wenn sich der Gerechte abkehrt von seiner Gerechtigkeit und tut Unrecht und lebt nach allen Gräueln, die der Gottlose tut, sollte der am Leben bleiben? An alle seine Gerechtigkeit, die er getan hat, soll nicht gedacht werden, sondern wegen seines Treubruchs und seiner Sünde, die er getan hat, soll er sterben.
Darum will ich euch richten, ihr vom Hause Israel, einen jeden nach seinem Weg, spricht Gott der HERR. Kehrt um und kehrt euch ab von allen euren Übertretungen, damit ihr nicht durch sie in Schuld fallt. Werft von euch alle eure Übertretungen, die ihr begangen habt, und macht euch ein neues Herz und einen neuen Geist. Denn warum wollt ihr sterben, ihr vom Haus Israel? Denn ich habe kein Gefallen am Tod dessen, der sterben müsste, spricht Gott der HERR. Darum bekehrt euch, so werdet ihr leben.

Das Trauma der Vertreibung erklärt Hesekiel mit dem harten Satz aus dem Mund Gottes: „Jeder, der sündigt, soll sterben.“ Nicht die Babylonier, die Besatzer, sind schuld, sondern das Volk Israel selbst ist schuld, weil es in vielfacher Weise gesündigt hat. Diese Sündhaftigkeit wird in vielen Details des Prophetenbuchs beschrieben. Ich denke, liebe Gemeinde, dass Sie wie ich erschrocken sind über das ja noch weitere Male angedeutete Gottesbild, das besagt: Wer sündigt, hat den Tod verdient. Gott ist zornig, wütend und enttäuscht von seinem Volk – und es hat sein Leben verwirkt. Das widerspricht unserem Glauben an einen liebenden Gott.

Für einen Augenblick dachte ich aber auch: Wenn doch Gott so zornig ist über das, was die Menschen tun, wäre es nicht wünschenswert, dass er richtend eingreift und sozusagen einmal aufräumt mit all dem Mist, den wir Menschen produzieren? Würde Herr Putin mal mit dem Zorn Gottes rechnen oder auch die Putin ergebene russisch-orthodoxe Kirche – vielleicht gäbe es Licht am Ende des ukrainischen Tunnels.

Wie aber eigentlich immer bei den Propheten ist mit dem zornigen und strafenden Gott das letzte Wort noch nicht gesprochen. Die Wende im Gottesbild kommt mit dem von Hesekiel zitierten Sprichwort: »Die Väter haben saure Trauben gegessen, aber den Kindern sind die Zähne davon stumpf geworden«. Seine Aussage hat es in sich, auch wenn es in Zukunft nicht mehr gelten soll. Zunächst aber wirft es die ewige Frage auf, inwieweit die Gegenwart vom Handeln und Geschehen in der Vergangenheit bestimmt wird. Die Väter haben saure Trauben gegessen – und den Nachfolgenden sind die Zähne davon stumpf geworden. So ist es! Ist es so?

Dass es so ist, könnte man damit begründen, dass in jeder und in jedem von uns die gesamte evolutionäre Entwicklung des Lebens steckt. Wir haben in unserem Gehirn Teile, die einer frühen Stufe des Lebens entsprechen und wirksam sind. Die Neurowissenschaften arbeiten daran, diese zu entschlüsseln. Aber vor allem sind wir doch Produkte der Geschichte vor uns. Und schließlich auch unserer familiären Vergangenheit, wo auch immer sie sich verorten lässt. Wie wurden wir als Kinder sozialisiert, was hat uns in unserer Persönlichkeit geprägt und ist wirkmächtig? Als eigenes Beispiel will ich nur erwähnen, wie mich, den schon nach dem 2. Weltkrieg Geborenen, die Geschichte meiner Eltern und Großeltern in der Zeit des Nationalsozialismus' immer wieder umgetrieben hat. Sie haben saure Trauben gegessen. Sind meine Zähne vielleicht stumpf geworden?

Gott in den Worten des Propheten gibt sich aber mit dieser schicksalsmäßigen Erklärung nicht zufrieden. „So wahr ich lebe, spricht Gott der HERR: Dies Sprichwort soll nicht mehr unter euch umgehen in Israel.“ Ein Neuanfang muss möglich sein, und der eben noch Unheil predigende Prophet verspricht Heil und Heilung: „Kehrt um und kehrt euch ab von allen euren Übertretungen, damit ihr nicht durch sie in Schuld fallt. Werft von euch alle eure Übertretungen, die ihr begangen habt, und macht euch ein neues Herz und einen neuen Geist.“ Wir denken vielleicht an die Jesusworte, die zur Umkehr aufrufen; wir wünschen uns, dass der ältere Sohn in dem großen Gleichnis vom Verlorenen Sohn, das wir vorhin als Evangelium gehört haben, seine Einstellung zu Bruder und Vater ändert – und sich mitfreut über die Rückkehr des Verlorenen.

Ist Veränderung möglich? Jede Therapie zielt darauf ab, aber die Veränderung ist mit Trauerarbeit und seelischer Erschütterung verbunden. Denken Sie bitte in einer stillen Stunde einmal darüber nach, ob ihnen Lebensmomente einfallen, von denen Sie sagen könnten: Ja, da habe ich mich oder mein Denken oder meine Einstellung geändert!

Hesekiels und erst recht Jesu Botschaft muten dem Menschen Veränderung zu; es muss nicht alles bleiben, wie es war; ich muss nicht der bleiben, der ich war. Macht euch ein neues Herz und einen neuen Geist! Hoffnungsbilder eines neuen Lebens können die Gegenwart verändern. Was für ein Programm für den einzelnen wie für Gemeinschaften, auch für die Kirchen! Bilder einer anderen Weltdeutung stehen bereit, sie sind in den großen Texten des Alten Testaments wie auch in den neutestamentlichen Verheißungen enthalten.

Der heutige Sonntag ist auch der Tag des Apostels Thomas. Er hat sich vom Zweifler zum Apostel in der Nachfolge Jesu gewandelt. Vielleicht ist er bis nach Indien gegangen. Wo wollen wir hingehen? Persönlich, spirituell, kirchlich, gesellschaftlich, weltbezogen? Um Antworten wird gebeten...
Amen