Homepage

Jörg Scholz

Predigt am 19. Januar 2020 in St. Philippus über 1. Korinther 2, 1-10

 

Paulus schreibt:

Ich bin, als ich zu euch, Brüder und Schwestern, kam, nicht mit beeindruckender Rede oder Weisheit aufgetreten, um euch das Geheimnis Gottes zu verkünden.

Denn es war meine Absicht, unter euch nichts anderes zur Kenntnis zu bringen als allein Jesus Christus - und zwar den Gekreuzigten.

So kam ich zu euch in Schwachheit und mit Furcht und mit großem Zittern.

Und mein Reden und meine Verkündigung lebten nicht aus der Überredungskunst der Weisheit, sondern im Erweisen von Geist und Kraft, damit euer Glaube nicht auf Menschenweisheit, sondern auf Gottes Kraft beruhe.

Weisheit bringen wir aber doch zur Sprache: bei den Vollkommenen. Aber keine Weisheit dieser Weltzeit, auch keine der Herrscher dieser Weltzeit, die untergehen. Sondern wir bringen Gottes Weisheit zur Sprache, die geheimnisvoll und verborgen ist und die Gott vor allen Zeiten für uns zur Teilhabe an der Herrlichkeit vorausbestimmt hat. Keiner von den Herrschern dieser Weltzeit hat sie verstanden; denn wenn sie verstanden hätten, hätten sie den Herrn der Herrlichkeit nicht gekreuzigt. Vielmehr geschah, wie geschrieben steht: »Was kein Auge gesehen und kein Ohr gehört hat und in keines Menschen Herz drang, das hat Gott denen bereitet, die ihn lieben.« Uns aber hat Gott es offen gelegt durch den Geist; denn der Geist erforscht alles, auch die Tiefen Gottes. [1]

 

Liebe Gemeinde!


 

Jede, jeder von uns hat ein Bild von sich selbst. Genauer müsste ich sagen: mehrere Bilder von sich selbst, weil wir uns in ganz unterschiedlichen Lebenssituationen darstellen und behaupten müssen. Diese Bilder sind irgendwann entstanden, sie haben sich teilweise verändert und werden sich im Laufe eines Lebens auch weiter verändern. Im Beruf, in Partnerschaft und Familie, in der Freizeit, in allen Lebensbereichen orientieren wir uns, häufig sicher unbewusst, an diesen Bildern. Es ist eine aus zahllosen Lebensmomenten, die ja auch viel mit den Rückmeldungen anderer Menschen zu tun haben, gewonnene Selbsteinschätzung. Im günstigen Fall gibt sie uns Sicherheit, die Psychologen sagen: Ich-Identität. Wir können uns sozusagen auf uns selbst verlassen, es ist so etwas wie ein Lebensfaden entstanden - im ungünstigen Fall werden wir nervös, bekommen Herzklopfen oder fangen an, an uns selbst zu zweifeln. Manche zerbrechen sogar seelisch daran.

 

Es ist gar nicht so leicht, diese Bilder von uns selbst genau zu benennen, wir leben sie mehr oder wir ahnen sie mehr. Ich müsste also anfangen, zu sagen: So sehe ich mich als Pastor, so als Ehemann, so als Gesprächspartner usw. Aber ich will das jetzt für meine Person gar nicht versuchen. Manchmal können die anderen, die einen erleben und wahrnehmen, das viel präziser sagen; und wir müssen unsere Selbstbilder mit denen, die die anderen von uns haben, vergleichen. Es gibt ja auch Menschen, die scheinen nur das zu sein, was die anderen in sie hinein sehen; und ihr Selbstbild bleibt merkwürdig diffus und unklar.

 

Paulus gibt in seinen Briefen gelegentlich einen Einblick in sein Selbstbild, und man kann schon sagen: toll klingt das nicht, was da von dem großen Apostel herüber kommt. So auch nicht in den Versen aus dem 1. Brief an die Gemeinde in Korinth. Paulus hatte diese christliche Gemeinde selbst gegründet, hatte sich dort eineinhalb Jahre aufgehalten - und als er später in Ephesus ist, bekommt er Nachrichten aus Korinth, dass es dort Spannungen in der jungen Gemeinde gibt. Das veranlasst ihn, den Brief zu schreiben. Und gleich am Anfang charakterisiert er sich selbst:

 

„Ich kam zu euch in Schwachheit und mit Furcht und mit großem Zittern.“ Auch in anderen Stellen seiner Briefe beschreibt er und sieht er sich als eher schwachen Typen.

 

Wir haben keinen Anlass, diese seine Selbsteinschätzung in Frage zu stellen oder zu bezweifeln. Gelegentlich klingt es bei Paulus so, als passe ihm sein eher schwaches Auftreten ganz gut, weil klarer wird, um was ihm eigentlich geht, nämlich die Botschaft von Gott und dem gekreuzigten und auferstandenen Christus. Es ist interessant zu sehen, dass die Apostelgeschichte des Lukas ein ganz anderes Bild von Paulus zeichnet: man denke an die berühmte Rede auf dem Areopag in Athen, wo Paulus wortgewaltig wie ein antiker Rhetoriker auftritt und von Zittern und Angst nichts zu spüren ist. Der große Apostel, so meinte Lukas wohl, könne kein schwacher Typ gewesen sein.

 

Ich sagte eben, ich wolle keinesfalls den Versuch unternehmen, hier meine verschiedenen Selbstbilder auszubreiten. Ein Gottesdienst ist schließlich keine Selbsterfahrungsgruppe. Aber schon immer habe ich die Selbsteinschätzung des Paulus als Prediger und Verkündiger des Evangeliums auch als Anfrage an uns Pastorinnen und Pastoren genommen, wie wir uns denn selbst in unserer kirchlichen Rolle sehen. Und insofern möchte ich wenigstens dies sagen dürfen, ja müssen: Ich würde lügen, wenn ich denn von mir bekennen würde, dass ich elend, voller Angst und zittrig hier vor Ihnen stünde. Ich erlebe mich gespannt, ja auch unter einem gewissen Druck stehend; ich ahne etwas von der Gefahr, die darin lauert, dass ich die Macht habe, fünfzehn, zwanzig oder gar noch mehr Minuten lang zu einer Gruppe von Menschen zu sprechen; ich spüre etwas von der Verführung, sich an den eigenen Worten zu berauschen oder gar die Gedanken derer, die zuhören, zu missbrauchen und sie in falsche Richtungen zu lenken. Und doch möchte ich letztlich dasselbe wie Paulus: in dieser Zeit das Evangelium von Jesus Christus zu verkündigen und nicht mich selbst. Es gehört zu den Aufgaben eines wachen Kirchengemeinderats und einer kritischen Gemeinde, die Predigerinnen und Prediger darauf aufmerksam zu machen, wenn deren innere Gäule mit ihnen durchgehen und sie vergessen, weshalb sie den Mund auftun.

 

Ich habe das, was zu uns über die große Entfernung von über 1950 Jahren herüber kommt - Paulus schrieb den 1. erhaltenen Brief (ein früherer ist verloren gegangen) an die Gemeinde in Korinth wahrscheinlich im Frühjahr 54 - , gerade zum Anlass genommen, ein paar Worte zum Selbstbild von Pastorinnen und Pastoren zu sagen. Aber man kann ja das Beispiel des Paulus benutzen, um noch einen wichtigen Schritt weiter zu gehen: nämlich die Frage an uns alle zu stellen, welchen Beitrag der Glaube denn zu den Bildern von uns selbst leisten kann und leistet. Es scheint ja bei Paulus so zu sein, dass er nicht nur seine Rolle als Apostel und Prediger vom Glauben her definiert, sondern noch viel mehr über sich sagt, am deutlichsten im Brief nach Galatien: „Darum lebe nun nicht mehr ich, sondern Christus lebt in mir.“[2] Das klingt so, und so hat es Paulus sicher auch gemeint, als habe Paulus sein Selbstbild ganz Christus einverleibt oder untergeordnet. Vielleicht etwas verkürzt ausgedrückt: erst sieht er seine christliche Existenz - und erst dann kommen seine menschlichen und gesellschaftlichen Rollen.

 

Könnten wir das auch so sagen? Würden wir dann, und ich nehme mich da keinesfalls aus, nicht befürchten, sozusagen unsere Persönlichkeit zu verlieren, gleichsam nicht mehr wir selbst zu sein. Ja, würde dann nicht mancher sogar befürchten, er würde sich sozusagen an ein fremdes Bild verlieren, gar verkaufen? Irgendwo sind wir doch auch zu Recht vorsichtig mit allen Versuchen, uns zu vereinnahmen, uns etwas aufdrücken zu lassen. Auf der anderen Seite blicken wir doch voller Bewunderung, ja manchmal sogar Ehrfurcht, auf die Beispiele von Menschen in Geschichte und, falls es sie gibt, sogar in der Gegenwart, die in beeindruckender Weise Selbstbild und Glaube so miteinander verbunden haben, dass ihre Persönlichkeiten etwas ausgestrahlt haben. Und doch sind auch diese von Zweifeln in ihrem Selbstbild nicht verschont geblieben, ja vielleicht haben sie diese Zweifel überhaupt erst durch den Glauben zu formulieren gelernt.

 

Hören wir Worte von Dietrich Bonhoeffer, geschrieben in der Zelle des Nazi-Gefängnisses, Wort also von einem, den ich selbst auch als Beispiel für ausstrahlende christliche Existenz ansehe:

Wer bin ich? Sie sagen mir oft,

ich träte aus meiner Zelle

gelassen und heiter und fest

wie ein Gutsherr aus seinem Schloss.

 

Wer bin ich? Sie sagen mit oft,

ich spräche mit meinen Bewachern

frei und freundlich und klar,

als hätte ich zu gebieten.

 

Wer bin ich? Sie sagen mir auch,

ich trüge die Tage des Unglücks

gleichmütig, lächelnd und stolz,

wie einer, der Siegen gewohnt ist.

 

Bin ich das wirklich, was andere von mir sagen?

Oder bin ich nur das, was ich selbst von mir weiß?

 

Und am Schluss formuliert er:

Wer bin ich? Einsames Fragen treibt mit mir Spott.

Wer ich auch bin, Du kennst mich, Dein bin ich, o Gott![3]

 

Dein bin ich, o Gott! Auch hier wird wieder das Selbstbild dem Größeren, dem Heiligen übergeben - und wer würde sagen, dass gerade Bonhoeffer fremdbestimmt gewesen wäre. Und so könnten wir auch für uns selbst beginnen, zu ahnen, dass der Glaube an den Gott, der uns in Christus nahegekommen ist, unsere Selbstbilder nicht zerstören, sondern heilsam in ihnen wirksam werden will.

 

Lassen Sie uns angesichts des Predigttextes noch einen Schritt weiter gehen: Paulus war sich gewiss, dass aus seinen stammelnden Worten Gottes Geist und Kraft sichtbar wurden. Ich bewundere ihn, wie sicher er darin gewesen sein muss, wie klar er zu unterscheiden weiß zwischen menschlicher Weisheit und der Weisheit Gottes, die aus ihm heraus sprechen kann und die für jeden spürbar sein soll.

 

Paulus scheint so klar zu sein in seiner Unterscheidung der Geister. Vielleicht könnte man seine Theologie, deren erster Teil auch in dem Predigttext anklingt, in Kurzfassung so formulieren: dem Geist der Welt und ihrer Mächtigen steht der Geist Gottes gegenüber. Das ist die von Paulus so gesehene Ausgangsposition. Wer das erkannt hat und wer sich in dieser Erkenntnis dem Geist Gottes, der in dem gekreuzigten und auferstandenen Christus sichtbar geworden ist, öffnet, der darf dann sozusagen im 2. Teil den Bezug zur Welt wieder suchen, der bei Paulus heißt: Glaube, Liebe und Hoffnung. Also: Paulus hat nicht einer weltabgewandten Einstellung das Wort geredet, er hat nicht gesagt: überlasst die Welt sich selbst und zieht euch in einen abgeschlossenen geistlichen Bereich zurück - aber er hat deutlich zu machen versucht, dass erst einmal die Grundvoraussetzungen zu klären sind. Noch einmal in psychologischer Sprache gesprochen: Er hat sein Selbstbild, das nach menschlichen Maßstäben eher ein schwaches war, erst ganz in das Bild Christi eingefügt, bevor er sich an die Dinge dieser Welt gemacht hat.

 

Das ist ein klares, beeindruckendes Konzept: in theologischer wie in biographischer Hinsicht. Und Paulus hat später, als er etwa in den Briefen nach Galatien oder Rom seine Theologie ausbaute, an diesem Grundkonzept festgehalten. So blieb er ein Ärgernis für die Maßstäbe dieser Welt und ist wohl als Märtyrer für Christus hingerichtet worden.

 

Ich habe mich gefragt, liebe Gemeinde, ob dies sozusagen auch mein Konzept ist - ich frage auch Sie, ob es ihres sein könnte. Mein Problem entsteht an der Frage, ob ich der Grundvoraussetzung des Paulus: hier die menschliche Welt - dort die Welt Gottes so folgen kann. Lässt sich so klar trennen, was weltlich und was göttlich ist, wie es etwa der große Theologe Karl Barth getan hat? Könnte es sein, dass Paulus unter seinen Voraussetzungen: Apostel eines neuen Glaubens zu sein, erst einmal so denken musste, um Klarheit für sich selbst zu gewinnen?

 

Gewiss, in bestimmten Situationen unserer Zeit und unseres Lebens werden auch wir, werde ich auch, die wir doch Christinnen und Christen sein wollen, so ähnlich denken und beurteilen: Da muss zwischen den Handlungen der Welt und dem christlichen Glauben klar unterschieden werden. Wir erleben doch gerade in diesen Tagen erschütternde Beispiele, wie die Parolen und Handlungen der Welt an kaum noch erträgliche Grenzen stoßen. Die Möglichkeiten des Internets haben dem Hass und Zynismus Tür und Tor geöffnet. Menschen, die sich bezahlt oder ehrenamtlich in öffentliche Ämter haben wählen lassen, werden bedroht und eingeschüchtert. Ähnliches wäre über die Anmaßungen derer zu sagen, denen es nur um Konsum und Geld geht, über die Versuche vieler Medien, die Menschen für blöde zu verkaufen! Da möchte ich schon, dass etwas hindurch schimmert vom Anderen eines christlich verstandenen Lebens, von der Tiefe der Weisheit Gottes, von der Befreiung durch seinen heiligen Geist. Da merke ich selbst, wie schwach mein christliches Selbstbild manchmal ist, wenn es nötig wäre, zu protestieren und die Dinge beim christlichen Namen zu benennen.

 

Aber ich muss doch zumindest für mich selbst auch sagen: Es gibt im Alltag meines Lebens so unermesslich viele Situationen, wo die Grenzen zwischen Welt und Glaube, Menschlichem und Göttlichem nicht so klar zu sehen und zu ziehen sind. Ich sage das in dem Bewusstsein, dass das auch als eine Flucht vor der Verantwortung eines christlichen Lebens verstanden werden kann, auch wenn ich das nicht meine.

 

Der vorhin schon zitierte Dietrich Bonhoeffer hat auch einmal geschrieben: „Wir können nicht redlich sein, ohne zu erkennen, dass wir in der Welt leben müssen, als wenn es Gott nicht gäbe. Und eben dies erkennen wir - vor Gott! Gott selbst führt uns zu dieser Erkenntnis. So führt uns unser Mündigwerden zu einer wahrhaftigen Erkenntnis unserer Lage vor Gott... Die Bibel weist den Menschen an die Ohnmacht und das Leiden Gottes; nur der leidende Gott kann helfen.“[4] Das sind schwierige Sätze, aber vielleicht weisen sie uns einen Weg, wenn wir die krasse Teilung in Weltliches und Göttliches, Heiliges und Menschliches in unserem Leben nicht immer nachvollziehen können: wir müssen hinein in die Welt - und in ihr die Spuren dessen finden, der auch aus Paulus gesprochen hat. Das erfordert auch große Anstrengungen, es wird uns immer wieder bewusst werden, wie schwach wir sind - aber wir werden Christus begegnen und von ihm uns getragen fühlen dürfen. Amen.


[1] Eigene Übersetzung


[2] Galater 2, 20


[3] Dietrich Bonhoeffer, Widerstand und Ergebung, Siebenstern-Taschenbuch, 1964, S. 179


[4] Dietrich Bonhoeffer, a.a.O., S. 177f