Homepage

Jörg Scholz

Predigt am 17. November 2019 (Vorletzter Sonntag im Kirchenjahr) in St. Philippus


Jesus sprach: Wenn der Menschensohn in seiner Herrlichkeit kommen wird, begleitet von den Engeln, dann wird er auf seinem majestätischen Thron Platz nehmen; und alle Völker werden sich vor ihm versammeln und er wird so voneinander trennen, wie der Hirte die Schafe von den Ziegen trennt. Die Schafe wird er auf seine rechte Seite stellen und die Ziegen auf seine linke Seite. Dann wird der König zu denen auf seiner rechten Seite sagen: Kommt her, ihr von meinem Vater Gesegnete, empfangt als euer Erbe das Reich, das vom Anfang der Welt an für euch bestimmt war. Denn ich hatte Hunger und ihr gabt mir zu essen; ich hatte Durst und ihr gabt mir zu trinken; ich war ein Fremder und ihr nahmt mich gastlich auf; ich war nackt und ihr habt mich bekleidet; ich war krank und ihr habt mich besucht; ich war im Gefängnis und ihr seid zu mir gekommen. Dann werden ihn die Gerechten fragen: Herr, wann haben wir dich hungrig gesehen und gaben dir zu essen? Oder durstig und gaben dir zu trinken? Wann trafen wir auf dich als Fremden und nahmen dich auf? Oder nackt und bekleideten dich? Wann sahen wir dich krank oder im Gefängnis und kamen zu dir? Da wird der König ihnen als Antwort geben: Amen, ich sage euch, was ihr für eines meiner geringsten Geschwister getan habt, habt ihr für mich getan. Dann wird er zu denen auf seiner linken Seite sagen: Geht weg von mir, Verfluchte, in das ewige Feuer, das für den Teufel und seine Engel bestimmt ist. Denn ich hatte Hunger und ihr gabt mir nichts zu essen; ich hatte Durst und ihr gabt mir nichts zu trinken; ich war ein Fremder und ihr nahmt mich nicht auf; ich war nackt und ihr habt mich nicht bekleidet; ich war krank und im Gefängnis und ihr habt mich nicht besucht. Dann werden auch sie fragen: Herr, wann sahen wir dich hungrig oder durstig oder als Fremden oder nackt oder krank oder im Gefängnis - und haben nicht für dich gesorgt? Dann wird er ihnen zur Antwort geben: Amen, ich sage euch, was ihr für einen dieser Geringsten nicht getan habt, das habt ihr auch für mich nicht getan. Und diese werden weggehen zu ewiger Strafe, die Gerechten aber in das ewige Leben.                                        (Matthäus 25, 31-46, eigene Übersetzung)


Liebe Gemeinde!

 

Der Mensch weiß um das, was man die lineare Zeit nennt: sie begann in der Vergangenheit, jetzt ist für einen kurzen Augenblick Gegenwart und vor uns liegt die Zukunft. Die Zeit ist als Linie oder als Strahl zu verstehen: mit einem Anfang und einem offenen Strahl in die Zukunft hinein. Immer wieder wurden und werden Versuche unternommen, ein mögliches Ende dieser Zukunft im Blick auf die Erde zu datieren oder eben auch auszumalen. Die Geschichte der „Jehovas Zeugen“ war davon gekennzeichnet, dass konkrete Vorhersagen für das Ende der Welt gemacht wurden (das letzte ins Auge gefasste Jahr war 1975); inzwischen sind sie von solchen Prophezeiungen abgerückt.

 

Naturwissenschaftler sagen, dass es eines Tages diesen Punkt wirklich gibt: Wenn nämlich die Sonne ihre Energie erschöpft haben wird und in sich zusammenfällt. Das wird in etwa 4 Milliarden Jahren erwartet, eine unvollstellbar weit entfernt liegende Zeit. Auf einem ganz anderen Blatt steht, dass wir uns deshalb Sorgen um die Zukunft unserer Erde und das Leben hier machen müssen, weil der Mensch beispielsweise zu wenig gegen die Erderwärmung und die damit verbundene Klimaveränderung tut. Aber das kommt nicht in einem kosmischen Drama von außen - sondern ist sozusagen hausgemacht. Und es könnte, wenn alle Staaten mitziehen würden, zumindest gebremst werden. Wir wissen, wie diese Sorge um die Zukunft unserer Erde zum notwendigen Dauerthema der Gegenwart geworden ist.

 

Es verwundert nicht, dass sich auch die Bibel mit der Zukunft beschäftigt. Denken wir nur an die Propheten der Ersten Bibel. Der griechische Name des letzten Buches der Bibel, der „Offenbarung der Johannes“ - Apokalypse - steht wie eine Überschrift über allen Endzeit-Vorstellungen, vor allem den schrecklichen, auch wenn es nicht die Absicht dieses biblischen Buches ist, konkrete Bilder vom Ende zu zeichnen. Und auch der Evangeliums-Text des heutigen Sonntags malt ein Bild von der Endzeit: „Wenn der Menschensohn in seiner Herrlichkeit kommen wird, begleitet von den Engeln, dann wird er auf seinem majestätischen Thron Platz nehmen; und alle Völker werden sich vor ihm versammeln und er wird so voneinander trennen, wie der Hirte die Schafe von den Ziegen trennt“.

 

Und dann stehen die „Schafe“ aus den Völkern als Gerechte und Gesegnete auf der rechten Seite des Weltenrichters - und die „Ziegen“ aus den Völkern als Ungerechte und Verdammte auf der linken Seite. Ein großartiges Gemälde wird entworfen, das Bild von einem Gericht am Ende der Tage. Beschreibt dieses Gemälde nur das Ende der linearen Zeit, nach dem es keine Zukunft mehr geben wird, oder lässt es sich auch anders verstehen?

 

Ich möchte später auf diese Frage zurückkommen und zunächst unseren Blick auf drei theologisch aufregende Feststellungen richten, die der weitere Text, den sicher die meisten von uns kennen, in sich birgt:

 

Die erste ist: Da ist von „allen Völkern“ die Rede, die sich vor dem himmlischen Menschensohn als Richter versammeln. Da steht nicht „Juden und Christen werden sich versammeln“, da steht schon gar nicht „nur die Christen werden sich versammeln“ - in dem großartigen Gemälde wird davon ausgegangen, dass alle Völker vor den Richterstuhl treten müssen - ungeachtet ihrer Religion, Kultur, Hautfarbe. Wir könnten auch sagen: die ganze Menschheit. Das Matthäus-Evangelium und wohl schon Jesus selbst vertreten manchmal einen alle Grenzen überschreitenden Menschheitsbegriff, der sicher schon in Verheißungen des Judentums angelegt war. Beispielsweise ist dort die Rede davon, dass eines Tages alle Völker in Jerusalem zusammenströmen werden, um Gott die Ehre zu geben.

 

Natürlich kann man sagen, dass damit die anderen Völker, Religionen und Kulturen gewissermaßen vereinnahmt werden - aber man kann es auch bewundernd so sehen, dass hier ein Grenzen-überschreitendes Bild von der Menschheit als Ganzer gezeichnet wird. Wir begreifen ja vielleicht erst heute langsam, dass sich die Menschheit als Ganze verstehen müsste, um die Probleme dieser Erde anzugehen und allen ein zufriedenstellendes Leben zu ermöglichen.

 

Und die zweite Feststellung: Als der Menschensohn den Gerechten aufzählt, welche Taten der Barmherzigkeit sie ihm erwiesen haben, wissen sie gar nichts davon. Sie mögen sich erinnern, dass sie dem Hungernden zu essen, dem Durstigen zu trinken gaben, den Fremden gastlich aufnahmen, den Nackten bekleidet, den Kranken und den Gefangenen besucht haben. Aber dass das der Menschensohn gewesen sein soll, dem all dies Gute geschah, das wussten sie nicht. Und die, die ihr Leben verfehlt haben und denen das Urteil ewiger Strafe droht, die haben keine Taten der Barmherzigkeit getan - vielleicht hätten sie dies ja getan, wenn sie gewusst hätten, wem diese hätten gelten können - eben dem Menschensohn.

 

Das Unglaubliche an diesem christlichen Text ist, dass die endzeitliche Gestalt des Menschensohns gleichsam incognito in jedem Menschen der Gegenwart verborgen ist, man könnte auch sagen, dass wiederum alle Menschen damit geadelt werden, das Bild des Menschensohns in sich zu tragen. Man kann die Formulierung „Menschensohn“ auch so verstehen, dass damit ein Bild von jedem Menschen gemeint ist. Im anderen begegnet mir also nicht nur ein Mensch, der vielleicht Hilfe braucht - sondern im anderen begegnet mir der, der Gott auf Erden wie im endzeitlichen Gericht vertritt. Und genauso ist es umgekehrt: der andere trifft auf mich - und ohne es zu wissen, bin ich Träger der Gottesgestalt des Menschensohns.

 

Eine Menschheit wird beschworen - und jedes Individuum wird zum verborgenen Träger des Menschensohns: im Menschen als Frau und als Mann ist Gott gegenwärtig. Das ist, liebe Gemeinde, schon eine gewaltige, bewegende Theologie, die unseren Blick auf unsere Existenz, wenn wir sie so aufnehmen könnten, vielleicht verändern könnte.

 

Und schließlich die dritte Feststellung an diesem Text: Das Urteil über die Menschheit und die Taten der einzelnen ergeht an der Messlatte eben der Barmherzigkeit. Es wird nicht gefragt: Was habt ihr, Völker und Einzelne, geschaffen, errichtet, auf die Beine gebracht, angehäuft, welche Denkmäler habt ihr euch gesetzt - sondern es werden Notsituationen und Bedürftigkeiten genannt. Wo habt ihr das gemindert: Hunger, Durst, Fremdsein, Blöße, Krankheit und Gefängnis? Das ist eine Ethik, eine Handlungsanweisung für den Alltag. Wie sähe die Welt aus, wenn viele Schritte solcher Barmherzigkeit täten? Und auch wenn man gerade heute am Volkstrauertag vielleicht denken könnte, dass gegenwärtig andere wichtige Fragen auf der Tageordnung der Menschheit stehen: Krieg, Gewalt, Zerstörung der Schöpfung - wenn man genau hinsieht, würde man feststellen, dass diese Menschheitsfragen einen Teil ihrer Brisanz verlören, wenn denn Hunger und Durst gemindert würde, der Fremde gastlich aufgenommen würde, jeder genug zum Leben hätte, Kranke besucht und getröstet und Opfer von staatlicher und anderer Gewalt nicht mehr ins Gefängnis geworfen würden.

 

Alle Menschen können Gottes Willen erfüllen, wenn sie denn wollen - das ist die Botschaft dieses Textes. Und vielleicht hilft es uns mehr, wenn wir das nicht nur als Appell verstehen, sondern einfach dieses große Gemälde in uns aufnehmen und in uns wirken lassen. Und vielleicht hilft es uns dabei auch, wenn wir noch einmal die Frage aufgreifen, ob dieses Gemälde nur einen imginären Punkt am Ende der linearen Zeit ausmalt. Sicher will es auch so verstanden werden - aber dann könnte man ja leicht sagen: Ist ja noch lange hin bis zum Endgericht, jetzt scheint es nicht bevorzustehen…

 

Erinnern wir uns daran, dass Jesus vor allem eine Botschaft verkündet hat - und die hieß: Das Reich Gottes ist nahe herbeigekommen, oder: Das Reich Gottes ist mitten unter euch. Ich verstehe das im Blick auf das Gericht Gottes so, dass auch dieses ständig bevorsteht, dass jede Zukunft gleichsam mit ihm angefüllt ist. Und das heißt: Was wir jetzt tun oder lassen, steht jetzt unter dem Gericht Gottes. Und deshalb ergeht, auch in der Verkündigung Jesu, immer wieder im Neuen Testament der Ruf zur Wachsamkeit und zum Wachsein in der Gegenwart.

 

Es ist schon viel gesagt von mir, aber ich möchte noch einen Gedanken ansprechen. Nach allem, was wir aus dem Neuen Testament ersehen können, hat Jesus zwischen sich und der endzeitlichen Figur des Menschensohns unterschieden - und ich habe den Text auch so ausgelegt: als eine universale Vision von der Menschheit und vom Menschen. Aber die christliche Theologie hat schon im Neuen Testament Jesus, den Christus, und den Menschensohn ineinsgesetzt: Christus ist der gekommene und der kommende Menschensohn: der Repräsentant Gottes. Dann hätten die Gerechten die Werke der Barmherzigkeit an Christus getan, ohne es zu wissen. Daraus lässt sich nur eines folgern: Christus selbst begegnet uns in den Geringsten der Geschwister. Das ist an uns gesprochen, die wir Christinnen und Christen sein wollen - das ist, über den Text aus dem Matthäusevangelium hinausgehend, nicht an alle Menschen anderen oder keines Glaubens gesprochen. Und dann finde ich die folgenden Sätze des evangelischen Theologen Ernst Lange großartig und sie mögen uns zu denken geben:

„Wir glauben an die Welt als an Gottes weitergehende Schöpfung, in der Christus das endgültige schöpferische Ereignis ist: der wahrhaft menschliche Mensch. Die Durchdringung der Welt mit dieser Weise des Menschseins ist der Sinn der Geschichte. Wir sind berufen, an dieser ‚Christifizierung’ der Welt teilzunehmen:

Wir unterwerfen uns nicht dem Status quo der Ungerechtigkeit, des Leidens, des Hungers, der Sünde und des Todes, sondern nehmen die Zukunft der Schöpfung Gottes vorweg in Taten der Gerechtigkeit, der Heilung, der Befreiung und der Weigerung, an den Tod zu glauben.“

Amen

----------------------------------------------------------------------------------------------------------------

Predigt am 27. 10. 2019 in der Versöhnungskirche Lübeck-Travemünde über Markus 2, 1-12 (19. Sonntag nach Trinitatis)

 

„Tage danach ging Jesus wieder nach Kapernaum hinein, und es wurde bekannt, dass er zu Hause sei. Und so viele versammelten sich, dass sie keinen Platz mehr fanden, auch nicht vor der Tür; und er verkündete ihnen das Wort. Leute kommen und bringen einen Gelähmten, der von Vieren getragen wird. Und weil sie wegen der Menschenmenge nicht an Jesus herankommen konnten, deckten sie das Dach ab über der Stelle, wo er sich befand. Nachdem sie ein Loch durchgebrochen haben, lassen sie die Schlafmatte hinab, auf der der Gelähmte lag. Und als Jesus ihren Glauben sah, sprach er zu dem Gelähmten: Mein Sohn, dir sind die Sünden vergeben! Einige der Schriftgelehrten saßen aber dort und dachten in ihrem Inneren: Wie kann der so reden; er lästert Gott; wer kann Sünden vergeben als Gott allein? Und sofort durchschaute Jesus mit seinem Geist, dass sie das bei sich dachten, und sprach zu ihnen: Warum denkt ihr in eurem Inneren so? Was ist leichter zu dem Gelähmten zu sagen: Dir sind die Sünden vergeben, oder zu sagen: Steh auf, trage deine Schlafmatte und geh umher? Ihr sollt aber erfahren, dass der Menschensohn Vollmacht hat, Sünden auf der Erde zu vergeben! Und er sagte zu dem Gelähmten: Steh auf, trage deine Schlafmatte und geh fort in dein Haus! Und er stand auf und ging sofort, seine Schlafmatte tragend, vor aller Augen hinaus so dass sie alle außer sich gerieten und Gott priesen und sagten: So etwas haben wir noch nie gesehen!“[1]

 

Liebe Gemeinde!

Das Evangelium des heutigen Sonntags hat mir Kopfzerbrechen bereitet, seit ich es zum ersten Mal bewusst gelesen habe. Da wird erzählt, dass ein Gelähmter zu Jesus gebracht wird, von Menschen, die offensichtlich großes Vertrauen in die Kraft Jesu hatten. Doch Jesus scheint sich nicht um die Lähmung zu kümmern, sondern sagt zu dem Behinderten: Mach dir keine Sorgen, mein Sohn, deine Sünden sind dir vergeben. Diese Sätze, dass Jesus sich anmaßt, so ohne weiteres Sünden vergeben, was doch nur der Priester durfte, ärgern die Schriftgelehrten. Und als Jesus dies spürt, stellt er ihnen die Frage, die eigentlich unbeantwortbar erscheint: Was ist leichter, Sünden zu vergeben, oder einen Kranken zu heilen? Und er heilt im Anschluss daran den Kranken, um zum Ausdruck zu bringen, dass er Macht hat, auch Sünden zu vergeben.

 

Was ist denn eigentlich leichter und was ist schwerer? Das ist die Frage, die mich beim Lesen der Erzählung immer wieder beschäftigt hat und beschäftigt. In der Situation eines körperlich behinderten Menschen dies zu sagen: Mach dir keine Sorgen, mein Kind, deine Sünden sind dir vergeben – klingt nicht das nicht wie barer Hohn? Oder ist nicht in Wirklichkeit das Wunder, das viel Schwerere, ja fast Übermenschliche dies: Einem Gelähmten zu sagen, dass er aufstehen soll, seine Bahre nehmen und nach Hause gehen – und er vermag zu gehen? Möglicherweise haben wir Christen all zu oft geglaubt, die Sündenvergebung sei das Schwierigere – und die körperliche, akute Heilung dabei vergessen.

 

Mir ist es in meinem bisherigen Leben so gegangen, dass es Zeiten gab, wo ich mir sicher war, dass es das Schwere ist, einem Menschen seine Sünden zu erlassen. Freilich müsste man da erst wieder darüber nachdenken, was das heißt, Sünden zu haben. Vielleicht ist das damit gemeint, dass einen Menschen die Last seiner Vergangenheit so drückt, dass nur noch ein Neuanfang, das Wunder einer Wiedergeburt, ihm wirkliches Leben ermöglichen kann. Da sagt ein 35jähriger Angestellter: „Wenn ich doch nur meine ganzen bisherigen Schicksale abschneiden, wenn ich heute auf dem Punkt null anfangen könnte! Die Ehe meiner Eltern war nun einmal eine Katastrophe, und ich trage die Folgen, das ist wie ein Fluch über mir.“ Und wenn nun ein Therapeut, ein Seelsorger, ein einfühlsamer Mensch, dieser Sünde den Garaus machen könnte, indem er ein heilendes, befreiendes Wort spricht und diesem geschundenen Mann einen Neuanfang ermöglicht – wäre das nicht schwerer, als einem an einer Krankheit Erkrankten mit welchen Mitteln auch immer von seiner Krankheit zu befreien? Und dann fällt mir der junge Mann ein, den ich vor sehr langer Zeit als Gemeindepastor regelmäßig besuchte, der von einem heimtückischen Krebsleiden befallen war und ans Bett gefesselt – wenn ihm jemand hätte helfen können, wäre das nicht schwerer gewesen, als die fast zynische Äußerung auszusprechen, ihm seien alle Sünden seines jungen Lebens vergeben?

 

Und wenn ich mir schließlich noch die Erkenntnis der modernen Medizin und Psychologie vor Augen führe, dass eine letzte Trennung zwischen seelischen und körperlichen Krankheiten nicht möglich ist, dass wir Menschen so angelegt sind, dass alles ineinander verwoben ist, dann wird mir die Frage, was denn nun eigentlich schwerer sei, Sünden zu vergeben oder zu heilen, noch fragwürdiger.

 

Gehen wir nur dieser Frage nach, so geraten wir in eine Sackgasse. Wir müssen werten an einer Stelle, wo nicht zu werten ist: dem Menschen, der unter Sünde leidet, unter der Last der Vergangenheit, unter einer schweren Schuld, können wir nicht zuschreiben, er sei schwerer zu heilen als der Mensch neben uns, der körperlich erkrankt oder gar zeitlebens behindert ist. Vermutlich, so belehrte mich bei der Vorbereitung dieser Predigt ein Ausleger, sind hier zwei Geschichten in ein einander verwoben: eine Geschichte, wo Jesus heilt, und eine, wo es um die Frage der Sündenvergebung geht. Aber wir dürfen das eine nicht gegen das andere ausspielen. Oder, das ist meine neueste Erkenntnis: Die Frage Jesu, was leichter oder schwerer ist, ist nicht grundsätzlich beantwortbar, sondern nur situativ. Es ist ein wenig vergleichbar dem Wort Jesu, man soll dem Kaiser geben, was des Kaiser ist – und Gott, was Gottes ist.

 

Was wäre auch gewonnen, wenn es eine eindeutige Antwort gäbe? Das Christentum hat sich vor allem in seiner Geschichte auf die vermeintlichen Sünden der Menschen gestürzt. Vielleicht litt ein Mensch unter einer körperlichen Krankheit – im Beichtstuhl des Priesters waren seine Sünden gefragt, und für die hatte er einzugestehen. Vielleicht hätte ein Mensch, zu dem der Pastor kam und der körperlich krank war, viel mehr eines befreienden Gesprächs bedurft über vieles, was ihn beschäftigte und quälte, als dass der Seelsorger ihm seine Sünden vorhielt, die Gott strafen musste durch die körperliche Krankheit. Wir können Seele und Leib, Geist und Körper nicht mehr trennen – und, davon bin ich überzeugt, wenn ich die Geschichten des Neuen Testaments durchlese, auch Jesus hat es nicht getan.

 

Um was es Jesus geht und worin sich seine Vollmacht erweist, ist das Heilen, das Gesundmachen in jeder Hinsicht. Und wenn eine Predigt über diesen Text einen Sinn haben soll, dann kann es nur der sein: uns in ein Nachdenken, Besinnen darüber zu führen, wo wir selbst heilungsbedürftig sind – und uns in eine Reflexion darüber zu führen, wo andere sind, die der Heilung durch uns, die wir uns auf Jesus berufen, bedürfen.

 

Das ist ja eine merkwürdige Verknüpfung, mit der christliche Existenz befrachtet ist – und vielleicht ist es die einzige Weise, wirklich menschlich zu leben: dass wir es lernen sollen, um uns selbst zu wissen – und aus diesem Wissen um uns selbst heraus nicht bei uns bleiben, sondern uns dem anderen zuwenden. Wie heilungsbedürftig bin ich doch! Zwar habe ich das Glück oder die Gnade erfahren, dass ich seit vielen Jahren körperlich gesund bin, aber wie angewiesen bin ich doch auf Heilung im seelischen, inneren Sinne: auf Vergebung von Fehlern, auf Überwindung von Situationen, die mir ein schlechtes Gewissen machen, auf Gewährung eines immer wieder neuen Anfangs. Und der andere, vielleicht unter uns in diesem Gottesdienst, wäre so heilungsbedürftig im körperlichen Sinne: noch einmal besser sehen und hören können, einen gesunderen Körper haben können. Und der dritte, er ist so heilungsbedürftig im körperlich-seelischen Sinne: frei sein können von den Kopfschmerzen, die sich einstellen, weil ihm ständig etwas Kopfzerbrechen bereitet, befreit sein von den Rückenschmerzen, die sich einstellen, weil er immer wieder den Rücken für andere hinhält oder weil er so gerne mal die anderen seinen Buckel herunterrutschen ließe, was ihm nicht gelingt.

 

Und jenseits dieser individuellen Wünsche nach Heil die kollektiven: Nach einer sauberen Erde, nach einer friedlichen Welt, nach einer Erde ohne Hunger, ohne selbstverschuldete Quälerei. Und dies alles erleben wir Christen, spüren in uns die eigene Not und die Not der Welt – und eigentlich dürften wir nichts anderes, als hinausgehen, um Sünden zu vergeben, Kranke zu heilen, Hungernde zu sättigen. Vielleicht ist das unsere wahre Sünde: dies zu spüren, und allzu oft zu versagen. Wir sprechen von einem, der um das Leid der Menschen wusste und das Leid selbst auf sich genommen hat – und wir ahnen zu oft, wie klein wir sind, um diesem Christus wirklich nachfolgen zu können. Aber möglicherweise können nur die, die das Leid an sich selbst durchgemacht haben, auch wirklich zu den anderen gehen. Wenn eines der höchsten Gebote des Juden- und Christentums heißt: Liebe deinen Nächsten wie dich selbst, ich muss es wiederholen: Liebe deinen Nächsten wie du dich selbst liebst, dann muss es aufgrund einer solchen Geschichte wie der von dem Gelähmten heute eigentlich auch hießen: Leide an deinem Nächsten, an dem Menschen neben dir, wie du an dir selbst leidest. Erbarm dich seiner, wie du Erbarmung für dich suchst.

 

Es geht gar nicht darum, uns ein schlechtes Gewissen zu machen. Aber es geht darum, denjenigen, dessen Namen wir führen, existentiell, im Leben, immer wieder neu auferstehen zu lassen. Christus ist unter uns, wo wir ihn unter uns sein lassen – in uns und durch uns. Ich habe nicht als Christ, der ich gern sein möchte, das Gefühl, dass mir nichts ankommt, dass ich gefeit bin, gegen alles in der Welt. Das Bild des leidenden Christus ist auch mir eingezeichnet. Aber gerade das möchte mich befreien, mein kleines Heil auch an andere weiterzugeben.

 

Die Geschichte von dem Menschen, der ganz gesund wurde, körperlich und seelisch und vor Gott, hat uns unversehens zu uns selbst geführt, zu den anderen und zum Bild des leidenden Christus in uns, der darin der Herr der Welt ist. Mir ist einer vorangegangen, der nicht den Triumph, nicht die Macht suchte, sondern der im Leiden um des Heiles willen andere befreite. Christsein heißt, ihm nachgehen.

 

Erinnern wir uns noch einmal an die vorhin gehörte Epistel aus dem Jakobusbrief:

„Ist jemand unter euch krank, rufe er die Ältesten der Gemeinde zu sich. Sie mögen für ihn beten und ihn im Namen des Herrn mit Öl salben. Das im Glauben gesprochene Gebet wird den Kranken heilen. Der Herr wird ihn wieder aufrichten, und ihm wird vergeben werden, wenn er Schuld auf sich geladen hat.“[2]

Amen


[1] Evangeliumstext und Epistel-Zitat am Schluss der Predigt: eigene Übersetzung


[2] Jakobus 5