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Jörg Scholz

Predigt am 8. März 2020 in der Versöhnungskirche in Travemünde über Römer 5, 1-5


„Sind wir so aufgrund des Glaubens gerecht gesprochen worden, haben wir Frieden mit Gott durch unseren Herrn Jesus Christus. Durch ihn haben wir ja im Glauben einen Zugang gewonnen zu der Gnade, in der wir einen sicheren Stand haben, und rühmen uns, weil wir auf die Herrlichkeit Gottes hoffen können. Doch nicht nur das: Wir rühmen uns sogar in den Bedrängnissen, weil wir wissen, dass die Bedrängnis Geduld hervorbringt, die Geduld aber Bewährung, die Bewährung aber Hoffnung. Die Hoffnung aber wird nicht beschämt werden, denn die Liebe Gottes ist in unsere Herzen ausgegossen durch den uns geschenkten heiligen Geist.“1



Liebe Gemeinde!


Sätze, die mit „eigentlich“ beginnen, sind problematische Sätze. „Redet so, dass ein Ja ein Ja ist, ein Nein ein Nein!“, sagt Jesus in der Bergpredigt. Ich will aber doch drei Sätze mit "eigentlich" beginnen. „Eigentlich“ müsste ich über das Flüchtlingselend in Syrien und an der türkisch-griechischen Grenze sprechen. Und „eigentlich“ wäre darüber nachzudenken, welcher ungeheure Aufwand angesichts des Corona-Virus betrieben wird. Und „eigentlich“ wäre vom Standpunkt des Christseins zu fragen, ob die Not der Menschen im Nahen Osten nicht viel mehr Aufmerksamkeit verdienen müsste – und dann könnten wir auch über die Viren-Bedrohung sprechen.


Nein, ich spreche über diese Themen heute nicht. Ich lenke unseren Blick auf Paulus. Was ist für ein rastloser Mensch ist dieser Paulus in Sachen Glauben gewesen! Welche Strecken und Gefahren hat er mit den Reisemitteln der damaligen Zeit auf sich genommen! Immer unterwegs für das Evangelium von Jesus Christus! Und im Brief nach Rom schreibt er, dass er nicht nur nach Rom kommen wolle, sondern auch in den Westen, gemeint ist wohl Spanien, bis an die Grenzen des römischen Reiches. Die Umstände der Gründung der römischen Gemeinde sind bis heute sind unklar. Aber Paulus hatte an verschiedenen Orten seiner bisherigen Missionstätigkeit Christinnen und Christen aus Rom kennengelernt. Und es macht Sinn, zu betonen, dass auch Frauen darunter waren, die Paulus namentlich erwähnt, und es macht noch einmal deutlich, dass in den Anfangsjahren des Christentums Frauen und Männer gleichberechtigt in den Gemeinden und in der Mission tätig waren. Vielleicht kann man den gewichtigen Römerbrief als eine Art Empfehlungsschreiben des Paulus und sein Verständnis des Evangeliums verstehen. Die Briefempfängerinnen und -empfänger sollten wissen, wer da vorhat, zu kommen, und wie er denkt und glaubt. Das führt dazu, dass Paulus, liest man den ganzen Brief einmal durch, auf der einen Seite weit ausholt und auf der anderen Seite Sätze von solcher Dichte schreibt, dass sie für unser heutiges Verständnis manchmal kaum übersetzbar sind in die Sprache des 21. Jahrhunderts.


Ich fasse die Sätze der heutigen Epistel aus dem Brief nach Rom noch einmal zusammen: Der gläubige Mensch ist von Gott gerecht gesprochen, er hat Frieden mit Gott durch Jesus Christus. Christus gibt uns Zugang zu diesem Glauben, der auf die zukünftige Herrlichkeit Gottes wartet. Und das Rühmen, die Freude darüber, wird auch in Bedrängnissen und Anfechtungen andauern. Und das alles, weil die Liebe Gottes in unsre Herzen ausgegossen worden ist durch den Heiligen Geist. Punkt. Ausrufezeichen. Ende. Das ist es. Sagen wir vorsichtiger: Das könnte es sein. Denn solche komprimierten Sätze haben auch eine Gefahr: sie stimmen und bleiben doch formelhaft, wenn sie nicht in Beziehung gesetzt werden zu unserem konkreten, wirklichen Leben.


Ich mache einen Schnitt. Ich gehe in unsere Gegenwart. Lübeck, Freitagnachmittag. Ich hatte mir den Predigttext noch einmal durchgelesen, merkte, wie ich mir nur wenige Worte des Anfangs merken konnte: Da wir nun gerecht geworden sind aus Glauben, haben wir Frieden mit Gott durch unsern Herrn Jesus Christus... Ich spüre, dass sie vielleicht das Letzte, Größte ausdrücken können, was über den Glauben zu sagen ist: Da wir nun gerecht geworden sind aus Glauben, haben wir Frieden mit Gott durch unsern Herrn Jesus Christus... Bin ich gerecht geworden aus Glauben, habe ich Frieden mit Gott durch Jesus Christus? Schon die Formulierung „Frieden mit Gott“ macht mir Schwierigkeiten, aber erst recht die von der Gerechtigkeit aus Glauben. Mensch, sage ich mir, du bist doch Theologe, die hast doch schon etliche Male Texte des Paulus gepredigt, du musst doch in der Lage sein, dazu etwas zu sagen. Du weißt, dass es Paulus vor allem darauf ankommt, deutlich zu machen, dass das Gesetz des Alten Testaments und alle Gesetze dieser Erde und ihre Einhaltung den Menschen vor Gott nicht gerecht machen können. Ich könnte jetzt einen Vortrag darüber halten, was Luther und andere über das Glaubens- und Rechtfertigungsverständnis des Paulus geschrieben haben, mein Wissen darüber an Sie, liebe Gemeinde, weitergeben, aber das ist doch nicht gemeint, wenn ich darüber predige und Sie anstiften möchte, es auch für sich mitzunehmen.


Ich gehe in die Stadt, mache ein paar Besorgungen, schaue mir die Leute an. Was sie tun. Sie machen nichts anderes als ich: einkaufen, bummeln, allein, zu zweit, zu mehreren. Viele wirken nicht sehr glücklich, viel abgehetzt, und etliche sind darunter, die so aussehen, als seien sie Randsiedler dieser Gesellschaft. Ein Alltagsnachmittag wie jeder. Denken die Menschen an ihren Frieden mit Gott, ahnen sie etwas davon, jetzt, gerade jetzt, dass sie aus Glauben gerecht gesprochen sind? Nichts ist zu spüren an diesem Nachmittag davon, und wenn andere mich ansehen würden: auch sie würden bei mir nichts merken. Ich bin wie sie alle. Und keiner wird mir ansehen, dass ich mich in der Vorbereitungsphase für eine Predigt befinde und große Sätze des Apostels Paulus im Kopf wälze. Kann man einem Menschen ansehen, dass er Frieden mit Gott gefunden hat? Soll man es ihm überhaupt ansehen? Aber wo wird der Frieden mit Gott wirksam - vorausgesetzt, man will überhaupt Frieden mit Gott?


Der von den Nationalsozialisten ermordete Theologe D.Bonhoeffer hat aus der Haft heraus geschrieben:


Später erfuhr ich und ich erfahre es bis zur Stunde, dass man erst in der vollen Diesseitigkeit des Lebens glauben lernt. Wenn man völlig darauf verzichtet hat, aus sich selbst etwas zu machen - sei es einen Heiligen oder einen bekehrten Sünder oder einen Kirchenmann... einen Gerechten oder Ungerechten - und dies nenne ich Diesseitigkeit, nämlich in der Fülle der Aufgaben, Fragen, Erfolge und Misserfolge, Erfahrungen und Ratlosigkeit leben, - dann wirft man sich Gott ganz in die Arme.“2


In der Fülle der Diesseitigkeit sich Gott ganz in die Arme werfen und nicht versuchen, etwas aus sich selbst zu machen. So fasse ich Bonhoeffers Gedanken noch einmal zusammen. Ist es das? Hineintauchen in das Leben, wo immer ich lebe, arbeite, wo mich Gott hingestellt hat? Mir gefallen diese Sätze deshalb so gut, weil sie anknüpfen bei dem, was ich, was wir alle erfahren: eben unsere Aufgaben, unsere Fragen, unsere Erfolge und Misserfolge, unsere Erfahrungen und unsere Ratlosigkeit. Ja, so ist doch unser Leben, ob wir nun alt oder jung, verliebt oder einsam oder gesund oder krank seien.


Freilich, so hineintauchen in das Leben, ein für mich faszinierender Gedanke, weil ich das Leben liebe, das hat auch eine Gefahr in sich, die Bonhoeffer sicher auch sah: wir können auch vom Leben in unserer Wirklichkeit, in unserer Gesellschaft, in das wir uns begeben dürfen, gleichsam verschlungen werden. Meine Arbeit, meine Fragen, alles das, was Bonhoeffer genannt hat vom Reichtum des Lebens, das alles kann auch einen Sog ausüben. Dann werfe ich mich dem in die Arme und nicht in die Arme Gottes. Es muss also im Hineintauchen in das Leben irgendwie so etwas wie Transparenz bleiben, eine Blickrichtung, die durch die Dinge hinweg auf das Wesentliche schauen lernt, was hinter ihnen liegt. Eine größere Freude, ein weiteres Mitfühlen, eine tiefere Traurigkeit, eine Sehnsucht nach einem gelungeneren Leben. Sonst bleiben wir doch nur dem verhaftet, was uns begegnet.


Vielleicht ist es das, was vielen Menschen unserer Zeit und sicher auch mir in meinem Verhaftetsein an das Leben, zu fehlen scheint: ein Gespür für den Blick durch die Dinge hindurch, ein Wahrnehmen, dass all das, was wir erleben und tun, noch nicht alles gewesen ist, so aufregend und schön es auch manchmal sein mag. Aber oft bleiben wir darin verhaftet und versuchen alles zu meiden, was unsere Blicke weiter lenken könnte.


Ich bekam eine Todesanzeige. Ein bald 89jähriger Begleiter meines Lebens aus einem Ort, in dem meine Mutter vor vielen Jahren lebte und arbeitete, ist gestorben. Er verstand sich ausdrücklich als Christ und hat noch lange im Rentenalter alte und kranke Menschen in seiner Gemeinde besucht. Was schreiben seine Söhne zum Tod des Vaters – ich zitiere wörtlich: „Ich bin gegangen... Ich hatte eine gute Familie und gute Freunde.“ Das war's zu einem Leben, das sich bemühte, in allem auch Fingerzeige Gottes zu sehen.


Kann solch ein Durchblicken, ein solches über die jeweilige Wahrnehmung Hinausgehendes gelernt werden? Mag sein, dass es sich in manchen Situationen wie von selbst entwickelt. Wo wir von etwas Schönem und Beglückenden so überwältigt sind, dass wir wie von selbst sagen: Gott sei Dank! Oder wo wir von etwas Dunklem, Tragischen, Misslungenen so in die Knie gezwungen werden, dass wir sagen: Gott sei’s geklagt! Das erfordert eine lebenslange Glaubensübung, die uns dazu befhigen will, das Leben und die Dinge im Blick auf Gott transparenter zu sehen. Und insofern lande ich dann sozusagen doch wieder bei Paulus: Er sagt, Gott ist euch schon voraus, er hat schon gehandelt in Jesus Christus, er hat schon ein Fundament gelegt, er seid schon Angenommene und Beschenkte, Gerechtgesprochene und mit Frieden Erfüllte. Vergesst das nicht - aber nun geht ins Leben hinein mit offenen Augen und offenen Herzen, ohne euch zu verkaufen und euch zu verbiegen. Und gerade Paulus war, so weit es seine Briefe zeigen, keiner, der abgehoben in der Studierstube saß und fromme Schriften verfasste, sondern der am Leben teilhatte, übrigens auch durch seiner Hände Arbeit, wie er immer wieder betont.


Eigentlich ist die Liebe Gottes in unsere Herzen ausgegossen durch den uns geschenkten heiligen Geist. So hat es Paulus in unserem Episteltext geschrieben. Nein, „eigentlich“ steht da nicht. So ist es, meint Paulus und ich schließe mich dem an: Die Liebe Gottes ist in unsere Herzen ausgegossen durch den uns geschenkten heiligen Geist. Lasst uns diese frohe Botschaft annehmen!


Amen.

1Eigene Übersetzung


2 Dietrich Bonhoeffer, Widerstand und Ergebung (Taschenbuch), München 1964, S. 183