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Jörg Scholz

Im Oktober 2017 habe ich angefangen, an einem neuen Singspiel für Kinder zu arbeiten. Die neutestamentliche Geschichte der "Speisung der 5000" aus dem Markus-Evangelium sollte im Mittelpunkt stehen. Nach etlichen Versuchen war der Text im Frühjahr 2020 fertig. Und ich fand in meinem Freund und Kollegen Christoph Kühne aus Hamburg einen Partner, der sich mit Freude an das Komponieren begab. So war das Stück im Sommer fertig. Die Rahmenhandlung spielt an einer Schule in der römischen Stadt Tiberias am See Genezareth; Claudia und Rufus sind die beiden, die sich auf die Spuren Jesu begeben, weil sie zufällig den Jünger Andreas getroffen haben. Ich gab dem Stück den Titel "Genug für alle" - damals durch Jesus, heute durch eine Umverteilung des Reichtums dieser Welt. Der folgende Textauszug ist der Höhepunkt und Abschluss des Stückes.

Das Libretto und die Noten können bei der nebenstehenden Email-Adresse bestellt sind.

III.

[Viele Menschen auf einer Wiese. Sie scheinen sehr erschöpft zu sein. Es ist Abend geworden, die drei Wanderer kommen dazu.]

 Andreas:

Eigentlich wollte Jesus mit uns Aposteln hier allein sein. Deshalb sind wir mit dem Boot über den See gefahren. Doch die Leute haben Wind davon bekommen und sind zu Fuß um den See gelaufen.

Rufus:

Toll, und jetzt sind alle platt und haben Hunger und Durst …

Andreas:

Und als Jesus aus dem Boot stieg, sah er eine große Menschenmenge und er wurde durch sie im Innersten bewegt; denn sie waren wie Schafe, die keinen Hirten haben. Und so begann er, sie vieles zu lehren.[1]

Claudia:

Hoffentlich gibt’s keinen Aufruhr…

Chor 4:

Nichts hier zu essen für die Leute,

Hunger macht sie bald zur Meute,

es knurrt der Magen, es tut höllisch weh.

Schick sie zu Höfen in der Näh',

damit sie Essbares dort kaufen,

Jesus, gib Befehl dem Haufen!

Jesus: (Rezitativ)

Gebt ihnen zu essen!

Chor 5:

Zweihundert Groschen in der Kasse,

soll das reichen für die Masse?

Ein Kauf von Broten für die Summe

macht nicht, dass die Not verstumme.

Viel zu viele müssen essen,

hast du, Jesus, das vergessen?

Jesus: (Rezitativ)

Wie viele Brote habt ihr? Geht hin, seht nach!

Jünger: (Sprechgesang)

Fünf Brote und zwei Fische! (wiederholt)

Jesus: (Rezitativ)

Sagt den Leuten, sie sollen sich alle zu einzelnen Tischgemeinschaften auf dem Gras lagern!

Rufus:

Schau mal, Claudia, wie sich die Menge lagert: mal zu hundert, mal zu fünfzig.

[Es werden kleine Gruppen gebildet]

Claudia:

Ja, sie lassen sich hungrig in Gruppen nieder. Und auch mein Magen knurrt gewaltig. Aber was ist das denn? Das sieht ja plötzlich aus wie ein Gemüsegarten! [2]

Chor 6:

Von schönsten Früchten träumen wir,

die Kraft der Bilder wirkt auch hier,

verwandelt uns in Gurken, Bohnen,

auch in Oliven und Melonen,

Lauch und Linsen[3]… Zauberei?

Der schlimmste Hunger ist vorbei!

Rufus:

Tatsächlich, die spielen Gemüsebeet…

Claudia:

Und plötzlich kommt wieder Leben in die Menge!

Rufus:

Aber natürlich ist der Hunger noch nicht ganz verschwunden. Es geht noch weiter:

Jesus [nimmt die fünf Brote und die zwei Fische und schaut zum Himmel auf und singt dann:]

Gebet Jesu

Gepriesen seist du, Ewiger, unser Gott; du regierst die Welt. Du lässt die Erde Brot hervorbringen![4]

Rufus:

Und jetzt bricht er die Brote und gibt sie den Jüngern, um sie den Menschen zu reichen; auch die beiden Fische verteilt er unter allen. Träum ich, was ich sehe, oder sehe ich einen Traum?

 

 


[1] Markus 6,33f

[2] Im griechischen Urtext steht die Formulierung: „Grünzeug für Grünzeug“, die in den meisten Übersetzungen wenn überhaupt – mit „in Gruppen zu...“ wiedergegeben wird. Die hier verwendete Deutung verdankt sich dem Buch von Luzia Sutter Rehmann „Wut im Bauch – Hunger im Neuen Testament“, Gütersloh 2014, S. 395ff.

[3] Alle Früchte werden im Alten Testament erwähnt.

[4] http://www.hagalil.com/judentum/gebet/brakhoth/segen-1.htm, abgerufen am 20.10.2017



Chor 7:

Alle essen, werden satt,

jeder gibt, wovon er hat,

Zwölf Körbe übrig bleiben,

die Gottes Volk beschreiben.

 Ist genug für alle da,

Hunger muss nicht sein,

Gott, der fern ist und so nah,

lädt zum Teilen ein.

Duett Rufus und Claudia

Rufus:

Ich reibe mir die Augen und kann es gar nicht glauben,

was ich doch sah am Wüstenrand.

Claudia:

Gesättigt sind die Massen von wundersamen Speisen,

denn jeder öffnete die Hand.

Rufus und Claudia:

War es Jesus, war es Gott,

wer wendete die große Not?

Ratlos steh’n wir Römer da,

begreifen nicht, was uns geschah.

Claudia:

Ich bin gespannt, was wir von diesem Jesus noch hören werden…

Chor 8:

Beim letzten Mahl

an Jesu Tische

gab's Brot und Wein

und keine Fische.

Wie dem auch sei,

Gott will uns stärken,

ermuntert uns

zu guten Werken.

Ist genug für alle da,

Hunger muss nicht sein,

Gott, der fern ist und so nah,

lädt zum Teilen ein.